Bericht:
Petra Meißner

Fotos:
Holger John (alle Livebilder falls nicht anders angegeben)
Pressematerial (Textillustration)





Wo soll man anfangen, wo soll man aufhören zu erzählen, wenn man über 6,5 Stunden mit 50.000 anderen Menschen vor einer riesigen Bühne gestanden hat und hochkarätige Künstler ein Rockfeuerwerk der Extraklasse abfeuerten?


Gruppe KOWSKY (Pressefoto)

Es war ja auch eine abgefahrene Idee, im Dezember ein Open Air Konzert zu veranstalten. Auf so etwas kann eigentlich nur Udo Lindenberg kommen. Es gab viele Skeptiker, zu denen ich auch gehörte. Doch dieses Konzert war wärmer als manch Sommer Open Air, auch weil in den Reihen der Zuschauer ein sagenhaftes Gemeinschaftsgefühl aufkam. Ich hatte schon geglaubt, dies gibt es in diesem Land nicht mehr.

Es ist dort etwas gelungen, was ein unauslöschliches Zeichen gegen rechte Gewalt gesetzt hat und allergrößten Respekt verdient. Als die Macher an die Stadt Jena mit dieser Idee heran traten, hat der Oberbürgermeister Dr. Schröter keine Minute gezögert, die Stadt ist finanziell in Vorleistung gegangen, denn die hochkarätige Bühnentechnik kostete über 300.000 Euro. Schon 3 Tage später war die Summe durch Spenden aufgebracht. Alle Künstler traten ohne Gage auf.

Würde der Ruf gehört werden, würden die Menschen Farbe bekennen? Ich war gespannt, als ich mich auf den Weg nach Jena machte. Im Sommer hätte so eine Idee eine Völkerwanderung ausgelöst, was würde im Dezember bei Regen passieren? Kaum war ich in Jena angekommen, öffneten sich die Himmelsschleusen. Aber Petrus mit seiner Sabotage-Aktion hatte nicht mit dem MDR gerechnet. Die Kollegen dort hatten für jeden Konzertbesucher ein Regencape geordert und dies sorgte für Geschlossenheit der Reihen.


Julia Neigel (Pressefoto)

Schon um 14.00 Uhr waren in der Oberaue in Jena die ersten Reihen besetzt und der Soundcheck war in vollem Gange. Udo Lindenberg habe ich noch nie live gesehen, gehörte bisher eigentlich nicht zu meinen Favoriten. Es bedurfte nur dieser halben Stunde und ich musste meine Meinung revidieren. Es war eigentlich kein Soundcheck wie man ihn sonst kennt, mit Mikroprobe und so. Er hat die Besucher, die schon so zeitig da waren, eine halbe Stunde mit seinem Panikorchester unterhalten. Kein Stargehabe, freundliche Probe mit dem Kinderchor, einige Worte an die Leute ...so hatte ich mir Udo nicht vorgestellt.

Pünktlich um 16.00 Uhr begann die Veranstaltung mit Statements der Beteiligten zum Thema "Rechte Gewalt in Deutschland". Toll fand ich Peter Maffay: Auf die Frage, was man dem entgegensetzen könnte, formte er mit seinen Händen ein Herz. Diese Idee wurde mit Jubel aufgenommen und es war eigentlich das Motto der Veranstaltung.

Die erste Band, die an den Start ging war KOWSKY, die jungen Musiker hatten einen von Udo Lindenberg initiierten Wettbewerb gewonnen und heizten den Leuten gleich ordentlich ein. Julia Neigel war die, die am nächsten am Publikum dran war, sie balancierte auf dem Gitter der Absperrung bei ihrem bekannten Song "Schatten an der Wand". Die Rocklady begeisterte mich echt.

In der Umbaupause erschien Toni Krahl. Im Programm, was ich mir von Insidern angeln konnte, war er angekündigt als "Ein Song mit Aku-Klampfe". Dies entpuppte sich dann als "Casablanca". Toni meinte dazu: "Es nervt, dass uns dieser Nazispuk immer wieder auf die Bühne treibt. Es nervt, dass diese braune Grütze in ihren Köpfen immer grütziger wird. Wir lassen uns Deutschland nicht nehmen, nicht von den Nazis."


Toni Krahl von CITY (Pressefoto)

Auf SILLY hatte ich mich besonders gefreut. Sie rockten die Oberaue. Die Show war Extraklasse und mit ihrem Statement hatte Anna so Recht. Sie bemerkte, "...es Sorgen sich alle um ihr Image. Aber wer denkt an die Opfer?" Mit ihrem Lied von den Sonnenblumen tat sie dies sehr eindringlich.

Udo Lindenberg stellte dann einen Gast aus Thüringen vor, und Jubel brandete auf. Es war CLUESO, mit ihm sang er das Stück "Cello", und 50.000 hielten den Atem an. Es war, als ob die Welt in diesem Moment stehen bleibt. Für mich aber noch bewegender war die Zugabe von Clueso. Er machte keine großen Worte, und sang ganz einfach "Wenn ein Mensch lebt" von den PUHDYS. Ich stellte mich der schwierigen Aufgabe, zu heulen und gleichzeitig zu filmen. Warum? In Jena war ich nicht wegen Maffey oder Lindenberg. Ich war dort wegen meinem Döner Mann. Leider kann ich keinen Döner unfallfrei essen, deshalb muss ich immer einen Döner Teller nehmen. Wenn ich in Döbeln zu tun hatte, setzte ich mich dazu in ein kleines Restaurant. Und dann gingen diese Bilder um die Welt... Verdammt, wieso kann das in so einem zivilisierten Land passieren?

Sehr viele Leute in den ersten Reihen waren wegen Maffay und Lindenberg gekommen und warteten natürlich gespannt auf ihre Helden. Peter Maffey brachte die Rock'n Roll Arena zum kochen. Als er mit den Fans "Über sieben Brücken" ging, holte er sich einen kleinen Jungen mit dunkler Hautfarbe auf die Bühne. Der war erst schüchtern, aber strahlte zum Schluss wie die liebe Sonne. Auch solche Momente machten es Mitten im Dezember warm in Jena.


SILLY (Pressefoto)

Zwischen den Konzertteilen wurden Initiativen gegen Rechte Gewalt vorgestellt. Der Moderator war geschickt und verstand es seinen Gästen Gehör zu verschaffen. Leider gab es auch einen Zwischenfall, der der Sache bestimmt nicht dienlich war. Der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, den ich eigentlich wegen seines Engagements schätze, gab recht unstrukturierte Erklärungen ab und man wurde den Gedanken nicht los, dass es in Jena Wässerchen oder Pillchen gibt, die den Verstand vernebeln.

Die letzte anderthalb Stunde gehörte Udo Lindenberg und seinem Panik Orchester. Lindenbergs "Wozu sind Kriege da" ist ein Titel, der bei meiner Generation Spuren hinterlassen hat. Er war auch ein Highlight in Jena: am Piano saß der Mann, dessen Stimme Millionen kennen - vor über 30 Jahren sang er sich mit der Zeile: "Ich bin ja noch ein Kind..." in die Herzen der Menschen. Lindenberg und seine Band haben bei ihrem Auftritt sogar noch Überstunden gemacht. Ich glaube, der Udo wollte mal testen, ob man das Publikum müde spielen kann. Na, ganz ist ihm das nicht gelungen. Aber ich muss gestehen, dass nach 6,5 Stunden bei mir auch die Grenze erreicht war.

Nach Ende des Programms gingen alle ruhig und friedlich nach Hause, es gab kein Verkehrschaos, jedenfalls nicht auf der anderen Saale-Seite. Jena: Ich danke euch allen für dieses tolle Event.





Live-Impressionen:




Pressekonferenz zum Event: Bürgermeister von Jena Dr. Albrecht
Schröter (links), Udo Lindenberg (Mitte) und Sigmar Gabriel (rechts)





Vor dem über 6-stündigen Konzert (Foto: Petra Meißner)




Ansprache zum Thema "Rechte Gewalt in Deutschland"






Jürgen Trittin (Grüne)


Peter Maffay: setzt Liebe gegen Gewalt


Auftritt der Gruppe KOWSKY


Auftritt Julia Neigel & Band












Toni Krahl von CITY




Auftritt der Gruppe SILLY mit Anna Loos


Anna & Jäcki Reznicek von SILLY






Auftritt Peter Maffay






Mohammed (14) aus Jena verfolgte das Konzert in der
ersten Reihe und wurde von Maffay auf die Bühne geholt



Lothar König, Pfarrer der "Jungen Gemeinde" in Jena


Alle Menschen sind Ausländer - fast überall...
Alle Rassisten sind Arschlöcher - ÜBERALL!



Auftritt Udo Lindenberg