RENFT am 09.10.2007 in LEIPZIG
(Einweihung der "Renftstraße" und anschließendes Konzert)


Bericht: Fred Heiduk
Fotos: Fred Heiduck & Rüdiger Lübeck




Ist der 09.10. etwas besonderes? Ich denke schon. Im Jahre 1806 erhebt sich Preußen gegen Napoleon, was allerdings über Jena /Auerstedt zur kompletten Zerschlagung des zerteilten deutschen Staatengebildes und per französischem Dekret 1807 (wiederum am 09.10.) zur Aufhebung der Leibeigenschaft in Preußen führt. Im Jahre 1950 tritt Heinemann als Innenminister zurück, da er die Wiederaufrüstung Deutschlands nicht mittragen wollte. Der 09.10. ist ebenso der Geburtstag Giuseppe Verdis und Heinrich Georges, sowie der Todestag Ché Guevaras und Oskar Schindlers. Der 09.10. ist aber vor allem der Tag der 70000 auf der so bedeutsamenen Montagsdemonstration 1989, und der Ansprache der "sechs" von Leipzig die damals über den Stadtfunk gesendet wurde.
Dem besonderen Datum 09.10. wurde 2007 in Leipzig eine neue Episode hinzugefügt. Denn der 09.10. ist auch Todestag von Klaus Jentzsch, besser bekannt als Renft. Leipzig beschloss vor geraumer Zeit, ihm, dem Wahl-Leipziger, eine Straße zu widmen. Dies wurde nun an diesem geschichtsträchtigen Tag und an einem für Renft so bedeutenden Ort, dem Anker, Wirklichkeit.
Bei schönen Wetter hatten sich vielleicht 300 Personen versammelt, um der feierlichen Widmung beizuwohnen. Das Publikum war bunt gemischt. Promis aus Politik, Kultur mit Fans nahe beeinander, wie es sich für die Renftfamilie gehört. Die Stimmung entsprach dem Renftspruch: "Auf meinem Grabe sollt ihr tanzen", wenngleich sich die meisten Anwesenden schon der Tragik um die Gruppe Renft bewusst waren. Recht punktlich wurden dann Gitarren durchs Publkum getragen, sammelten sich die Anwesenden am verhüllten Straßenschild Ecke Wolffstraße. (Die Gruppe) Renft nahm unter dem Schild Aufstellung und sang unplugged zur ratternden Straßenbahn und zum fließenden Verkehr "Ermutigung". Danach wurden die Festredner ans Mikro gebeten.
Der erste Bürgermeister (also der zweite Mann Leipzigs) Andreas Müller sprach einige durchaus angemessene Worte. Dass sich die Schüler des an die Renftstraße angrenzenden Gymnasiums wirklich mit Renft beschäftigen werden, wie er sagte, bleibt zu hoffen. Mit einer Kleinigkeit lockerte er dann den offiziellen Teil auf. Er sorgte mit einem Versprecher für allgemeine Erheiterung. Müller laß sein Skript nicht richtig und ersetzte beim Titel "Chilenisches Metall" das erste L durch ein N. Das Chinesische Metall wird sicher länger im Gedächtnis der Anwesenden bleiben. Manfred Wagenbreth schloss sich an und sorgte mit einem hypermodernen Satzkonstrukt für einen ordentlichen Lacher. Leider hat ihn niemand so schnell nachvollziehen können, wie er gesprochen wurde. Dieser Satz wird daher sehr schnell vergessen sein, aber er entsprach dem Schalk, den man Renft nachsagt, perfekt. Erfreulicherweise waren die Festreden damit beendet und der feierliche Akt der Enthüllung wurde vollzogen. Gegen 13:15 Uhr hatte Leipzig damit die Renftstraße, an der die Hausnummer 1, der Anker, liegt.
Renft brachte noch die "Rose" und dann war der offizielle Teil entgültig beendet. Allgemein wurde es als sehr angebracht empfunden, dass es eine Renftstraße ist. So wird eben auch an die gesamte Gruppe Renft erinnert, nicht nur an Klaus. Unter dem eigentlichen Straßenschild gibt es ein Zusatzschild, gestiftet von Gerhard Pötzsch, einem Leipziger Stadtrat und Renftfreund, das expliziet auf Klaus Renft verweist. An die offizielle Straßeneinweihung schloss sich die Pflanzung eines Apfelbaumes, eines Geschenks einiger Fans, vor dem Anker an. Zu dieser Aktion wurde auch Jochen Hohl gebeten, der leider bei den übrigen Dingen weitgehend im Hintergrund blieb. Danach zerstreute sich die Gesellschaft. Einige unterhilten sich bei Musik der "3apes" am Anker, andere fuhren zum Grab Klaus Renfts auf den Südfriedhof, wo nunmehr ein Grabstein Renfts Grab ziert.
Ich glaube jeder der Renftfans fand seine Art die zwei Stunden bis zum Fantreffen der "Renftfamilie" gegen 16:00 Uhr im Anker zu überbrücken. Zum eigentlichen Treffen kann ich wenig sagen, da der Gastraum des Ankers aus allen Nähten zu platzen drohte und Lajos und ich den Freisitz davor bevorzugten. Gesprächsthemen und -partner gabs dort auch, so dass die Zeit bis zum abendlichen Renftkonzert recht angenehm und schnell verging.
Und dann war es soweit: Gegen 20:00 Uhr bestieg die neu formierte Gruppe Renft die Bühne des Ankers. Neu formiert in so weit, als Gisbert "Pitti" Piatkowski an der Gitarre agierte. Zwar gab es mittlerweile schon ein paar gemeinsame Gigs, aber blinde Harmonie konnte es noch nicht geben... und gab es auch nicht. Das tat dem Konzert und Gesamteindruck jedoch keinerlei Abbruch. Im Gegnteil! Die Zuhörer trauten ihren Ohren kaum, wie gut Renft miteinander harmonierte, war der Takt einmal gefunden. Die meisten anwesenden waren sich einig, seit langem kein derartiges, beeindruckendes Renftkonzert mehr gehört zu haben. Vergleiche mit den Konzerten Heinz Prüfers sind nicht angebracht, war sich das Publikum einig. Ihn mit Pitti vergleichen zu wollen ist einfach müßig. Heinz war ein großer seiner Zunft und bleibt immer ein Teil der Legende Renft. Piatkowski spielt eine andere Gitarre und das einfach grandios. Mit ihm haben Monster, Delle Krise und Marcus Schloussen die Chance aus Renft eine lebende Legende weiter leben zu lassen. Ich glaube beim ersten ernsthaften Einsatz Pittis hatten einige der Altfans einen Klos im Hals. Die Kraft, die Dynamik dessen, was der kleine Mann da aus seinem Instrument zauberte, war einfach beeindruckend. Das Fazit des Publikums stand nach wenigen Minuten: Pitti ist ein Glücksfall für die Gruppe Renft. Er kann Heinz' Lücke schließen und der Band neue Impulse geben. Mein despektierlicher Kommentar zu Lajos lautete: "Jetzt kann Monster endlich die Gitarre aus der Hand legen und sich auf's Singen konzentrieren". Sollte er auch. Denn - Entschuldigung an den Barden - er war der schwächste Part in der Band am Abend. Ob es an der Freude über die erneute und grandiose "Wiedergeburt" Renfts lag, ob er einfach übers Ziel hinaus schoss, oder ob er einfach viel Stress hatte - keine Ahnung. Doch sicher ist, man hat ihn schon besser erlebt.
Es gab noch ein erfreuliches Novum (laut Lajos): Der Riese am Bass, Marcus Schloussen, durfte singen. Das war wohl bisher eher eine Ausnahme. Ich für meinen Teil kann Monster nur empfehlen, Finger weg vom Leadgesang bei Cäsarinterpretationen. Da wirkt Marcus Stimme viel besser. Gemeinsam mag das gehen. Monsters Art diese Songs zu interpretieren und seine Stimmlage sind in dem Zusammenhang gewiss nicht jedermanns Sache.
Was gibt es zum Konzert zu berichten? Gäste waren Hans Jürgen Bayer und Christiane Uffholz, die jeder nur einen Titel sangen. Schade, denn beide können singen... Ich hätte mir das ein oder andere mehr gewünscht. Cäsar spielte einen Großteil des Konzertes und sang mehrere Titel. Die Hamonie mit Pitti war dabei ganz offenkundig. Zwei große Musiker, die man sich öfter zusammen vorstellen kann. Das würde der Band nicht im geringsten schaden. Recht unverständlich blieb mir, dass Monster trotz der Präsenz Cäsars dessen Titel sang und für mich Cäsar sogar einmal vom Mikro zurücktreten ließ. Sollten das Bandleaderalyren sein, könnte die neue Renftband schnell an kritische Punkte gelangen. Klar es braucht einen Kopf in der Band. Aber auf der Bühne sind quasi alle gleich. Wer was am besten kann mache es, und der Rest hat zu folgen.
Was gabs noch? Neben den obligaten Klassikern, waren wie in besten frühen Jahren ein paar internationale Hits im Programm, die in ihrer Wirkung den Renftsongs in nichts nachstanden. Im Gegenteil Monster brillierte an diesem Abend bei "Child in time" geradezu. Unglaublich woher er die kraftvollen Töne holt. Ich hab mich gefragt, ob Monster jemals mit Deep Purple auf der Bühne stand, oder das ein highlight für ihn wäre. Bei Gelegenheit sollte man ihn fragen. Monster mit Monstersongs - einfach unerreicht! Ich wage mal frech zu sagen: "Ohne seine Stimme kein Renft". Was nichts an den kritischen Bemerkungen zuvor ändert. Eine Aufzählung der Titel schenke ich mir. Ich würde sie auch nicht zusammnebekommen. Für mich erstaunlich war, dass "So starb auch Neruda" im Progamm war, da er für mich zu den weniger bekannten Titeln zählt. Klar wurden Gänse gehütet, Apfelbäume geschüttelt, Schlachten geschlagen, mit blauen Pflastersteinen gebaut, besann man sich, auch der Mama und des kleinen Ottos, um nach dem finden der Klamotten mit einem Lied auf den (Heim)weg geschickt zu werden. Die Zugaben kamen unprätentiös. Kein langes Bitten und Betteln - nein kurze Pause, tosender Applaus und 3 oder 4 Titel am Stück. Jeder wusste, das war's dann nach gut 2 ½ Stunden für heute.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer nicht zufrieden war. Denn es war ein besonderes Konzerterlebnis. Renft spielt wieder Rock'n Roll. Rockig wie seit langem nicht mehr. Mit dieser Freude und Hingabe kann man bei den älteren Herren sicher in Extase geraten. Da sind absolute Profis am Werk und verstehen es mit guter, handgemachter Musik ihr Publikum zu fesseln.
Von dieser Gruppe ist in Bälde sicher einiges erfreuliches zu vermelden. Bleiben wir dran. Für alle die Renft nicht kennen, sei das Konzert am 30.11.2007 im "Neu Helgoland" (Berlin) empfohlen. Lassen wir uns also auf die lebende Legende Renft ein, und freuen uns über besten Ostrock.