![]()
Bericht: Hanni Möller Fotos: Hanni Möller (alle Livebilder) Hinrich Franck (Textillustration)
Aber der Reihe nach: der Saalbau Witten schien auf den ersten Blick ein eher unpassender Ort für den geplanten Abend mit Achim Reichel, kommt er doch in einem arg nüchternen Rahmen der 60er daher. Aber als man den Publikumsraum betrat, sah man bereits eine wunderbar liebevoll dekorierte Bühne mit rotem Samt, vielen Musikinstrumenten, gemütlichen Ambiente, nem alten Röhrenradio, Garderobenständer und einer Leinwand für Einblendungen von Fotos der Karriere Achim Reichels. Guckte man genauer hin, fand man weitere Artikel wie eine Starclub-Tasche oder aber Bühnenoutfits der 60er. Das alles machte neugierig. Der Saalbau füllte sich dann zunehmend zur Hälfte, und Achim Reichel betrat im Scheinwerferkegel seine Bühne. Froh gelaunt wie eigentlich fast immer und in seiner typischen wortgewitzten, nicht direkt flüssigen Art zu erzählen, hatte er sofort alle im Saal auf seiner Seite, saß auf dem Hocker, den er (bis auf die Pause) nicht verließ und verteilte seinen Esprit, seine Aufgewecktheit, seine Musik und Geschichten an die Menschen. Der Rhythmus schwang dabei stetig mit, da stört dann auch die Sitzposition nicht weiter. Er hat ihn einfach im Blut.
Es wurde ein Jungenfoto auf der Leinwand abgebildet („Mamas ganzer Stolz: Achim“), dann die ersten Worte zur Musik, die ihn damals früh packte („Hoppla, das geht runter wie Öl, obwohl: man kann sie nicht schmecken, essen, greifen – nur hören.“): nachts wurde am Radio gedreht, Sender gesucht und je nach Wetterlage (!) konnte man dann diese ganz besondere neue Musik hören, die damals vor 50 Jahren so langsam über die Welt zu schwappen begann. Und dann gab es da diesen Partykeller, wo an der Wand eine Gitarre als Deko (...) hing und die sich Achim Reichel im Tausch gegen seinen wertvollen batteriebetriebenen Singleplattenspieler („...der Liebling seinerzeit am Elbstrand damit...“) ergatterte. „Doch wie spielt man so was?“, fragte er sich damals. Nun, erste einfache Akkorde waren schnell eingeübt, und er demonstrierte Buddy Hollys „Peggy Sue“. Dazu spielte er Fotos aus der alten Zeit ein, kommentierte sie mit liebe- und detailvollen Bemerkungen und Anekdoten der Zeit, und man schwelgte einfach mit. Die Stationen wanderten über die 6-wöchige England-Tour in den 60ern (er traf da die noch „pickligen“ Rolling Stones) und den berühmten Starclub, tangierten seine Zeit beim Bund und dem daraus folgenden „Moscow“-Song mit seiner „Supergroup Wonderland“. Er übernahm den Starclub, mit dem er aber pleite ging, und er machte die nächste musikalische Reise. Es wurde eine „grüne“ Reise, deren Produkt 30 Jahre später noch einen Platz 12 im Musikmagazin in England bekommen sollte für die 50 great lost albums. Weitere Experimente mit dem „Shanty Album“ entstanden, indem er RocknRoll zu alten Volksliedern packte. Und: „Warum englisch singen?“, fragte er sich damals auch bald. All diese Beispiele seiner musikalischen Lebensstationen untermalte er auf der Bühne, indem er Songs aus der jeweiligen Platte spielte, und das so leidenschaftlich, als hätte er sie gerade erst geboren. Mit den Shanty-Album-Liedern war er für diesen Abend an dem Punkt, wo er seine beiden musikalischen Begleiter (Pete Sage und Berry Sarluis) auf die Bühne bat. Akkordeon und Geige wurden nun zum ständen Begleiter der gespielten Lieder, aber auch eine weitere Gitarre, Keyboard oder eine Buschtrommel rundeten den musikalischen Rahmen ab. Achim Reichel wechselte insgesamt zwischen zwei akustischen und einer E-Gitarre, die er für meinen Geschmack öfter hätte einsetzen können als nur für einen Song.
Ich freute mich dann ganz besonders, als „Mama Stadt“ ertönte: ein Song, den ich 1981, als das Album dazu erschien, das erste Mal hörte. Ich war da gerade erst 14 Jahre alt, hatte aber so eine Ahnung, was mir ans Ohr getragen wurde, und hab die Platte so geliebt, daß ich damals das Foto von der Rückseite mit Graphitstift abzeichnete. Die Zeichnung existiert heute noch, ist gerahmt und lieb gewonnen. „Mama Stadt“ ist einer der Songs, die nicht gerade üblicherweise oft gespielt werden, aber zu reich ist auch sein Werk. Trotzdem ist es oft schade, daß solche Lieder untergehen, nicht zuletzt auch, da er zu oft im Aloha-Heja-Fieber zum Schunkeln daher kommen muß. Aber dieses Problem gibt es mit anderen Künstlern ja leider auch immer wieder. Jedenfalls ergab sich hier nun die Gelegenheit, auch einmal über das Entstehen konkret dieser Songs zu reden, über Jörg Fauser, von dem die Texte stammen, und wie Achim Reichel in den 70ern von den alten deutschen Dichtern den Weg zur Gegenwartslyrik fand. Im dazugehörigen Album „Blues in Blond“ und dem Nachfolger „Nachtexpress“ sind unglaublich starke deutschsprachige Lieder zu finden, die immer noch aktuell sind und damals vielleicht 'n Tick zu früh das Licht der Welt erblickten. Wenn sich die LPs heute bei mir auf dem Plattenteller drehen, gibt es vielleicht nur die Einschränkung zur Produktion, da man doch merkt, daß sie auch technisch 30 Jahre auf dem Buckel haben. Aus „Blues in Blond“ folgte an diesem Abend noch der Song „Der Spieler“ („natürlich“ möchte man sagen), der dann doch eine gewisse Aufmerksamkeit schon damals bekam (man munkelt, es könnte der Hecksche Hitparadenauftritt gewesen sein). Ein zeitloser Song, ein genialer Song, den ich mir ohne Achims variantenreiche Stimme kaum vorzustellen wage. Aus den 80er Jahren erwähnte er dann noch die zweite Zusammenarbeit mit einem Texter (Kiev Stingl) und spielte davon „Steaks & Bier & Zigaretten“ sowie einen Song, den er mit seiner bassigen Stimme zunächst erzählweise einleitet: „9 Jahre fuhr er auf der Panama... die Schiffspapiere sind im Hai gelandet“ und beendete damit den ersten Teil des Abends in die „altersgerechte“ (wie er sagt) Pause. Unerwähnt lassen möchte ich hier nicht, daß er sich vor dem letzten Song über einen in vorderer Reihe sitzenden Gast ärgerte, indem er ihn übers Mikro ansprach, das dauernde Fotografieren endlich mal sein zu lassen. Er war wohl sehr gestört dadurch und machte sich Luft mit einem „Ich schmeiß Dich raus, wenn Du nicht aufhörst.“ Er hatte die Unterstützung dafür bei den Leuten im Saal, denn es ist wirklich ärgerlich, wenn man als Künstler direkt vor der Bühne dauerbeschossen wird mit dem Klacken und Lichtern der Kamera. Dazu sei dann auch erwähnt, daß es mir nicht möglich war, alle Musiker am Abend zu fotografieren, weil mit dem Veranstalter nur eine Erlaubnis von Fotos zu den ersten drei Liedern vereinbart war – und die bestritt Achim Reichel zunächst allein. Ich habe dafür auch großes Verständnis, andererseits ärgert es mich aber dahin gehend, daß es immer wieder Leute im Publikum gibt, die mit ihren modernen Mediengeräten in Kleinstformat wiederholt fotografieren – egal welche Bitten ausgesprochen werden. Da möchte man dann auch einfach u.a. noch ein nettes Abschiedsbild mit der Verbeugung der drei Musiker machen, weil es auch darstellt, wie die Musiker untereinander kommunizierten und es den interessierten Leser in der Vorstellung des Konzerts bedient.
Der Abend neigt sich Stück für Stück dem Ende: er kündigt ein Lied mit dem Text von Ina Seidel an und die Regenballade folgt. Aus 1989 folgt „Fliegende Pferde“, dann ein langes Geigensolo (wunderbar!) von Pete Sage, „Kuddel Daddel Du“ fehlt ebenfalls nicht (mit der Einleitung „Ein Mann kam aus Wurzen bei Leipzig... & wo dessen Charakter erfunden wurde“). Den Abschluß bildet der Sansibar-Evergreen, den er mit einer kurzen Geschichte einleitet: man habe ihn auf die vielen, vielen Varianten des Songs anderer Künstler auf youtube hingewiesen: er wunderte sich dabei, daß man das sowohl auf bayerisch, punk, karnevalistisch oder auch Techno machen kann. „Hm, hm, hm...“ kommentierte er das wieder einmal, und wie reich er nur dadurch wäre, wenn man in „Klicks“ bezahlen könne, da diese Songvarianten auf 3,5 Mio dieser Klicks kämen. „Halleluja“ gab er noch mal von sich und dann began das Lied, das ihn immer wieder begleitet: „Hab die ganze Welt gesehen... Wo’s am schönsten war? Sansibar! Aloha Heja He“. Die Verabschiedung ist herzlich, es folgen zwei Zugaben („ganz demokratisch nicht die Lieder, die stellenweise gewünscht wurde, weil so niemand enttäuscht würde“, wie er sagt), und dann leerte sich der Saal hinaus in die winterliche Nacht, und ich kratze zum ersten Mal in diesem November gefrorenen Reif von der Autoscheibe, hüpfe dabei auf und ab mit einem Achim-Reichel-Ohrwurm im Kopf und lasse den Eisschaber so über die Seitenfenster gleiten, daß der Frost gar nicht so kalt ist wie er sein könnte. Anmerkung: Weitere Infos auf Achims Homepage, wo man zu jedem Song und jedem Album viel Hintergründiges von Achim Reichel selbst erfährt. Zur aktuellen Tour gibt es eine Live-DVD "Solo mit Euch". Die nächsten Termine: 17.11.2011 - Kiel - Kieler Schloss 18.11.2011 - Hamburg - Fliegende Bauten (ausverkauft) nähere Infos auf Achim Reichels Homepage... Bitte beachtet auch: - off. Homepage von ACHIM REICHEL: www.achimreichel.de - Homepage des Saalbau Witten: www.saalbauwitten.de - Homepage des Veranstalters: www.ludwig-service.de
Live-Impressionen:
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |