|
Novikents live in Dresden am 9. April 2011
Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Wer hätte das gedacht?! Die Ära der Beatmusik in den 60ern ist seit über 40 Jahren vorüber, aber die Musik lebt noch immer! Nein, ich meine nicht die unzähligen Langspielplatten und Singles in den privaten Sammlungen, nicht die Aufzeichnungen des legendären Beat-Clubs und auch nicht die ausgelassenen Oldie-Nächte im Halbplayback-Verfahren. Ich meine eine Band aus Dresden, deren Musiker den Beat, dessen wilde Zeit sie selbst nicht miterlebt haben, vor 20 Jahren für sich neu entdeckten und dieses Gefühl seitdem live auf die Bühne bringen. Die NOVIKENTS spielen die Klassiker jener Zeit ehrlich und sehr authentisch ohne großen technischen Schnickschnack. Sie tun dies, ergänzt mit ihren eigenen Kompositionen im Stil jener Zeit, mit einem erstaunlichen Einfühlungsvermögen. Als ich sie Anfang Juli 2009 im Kunsthof Gohlis zum ersten Mal per Zufall erlebte, lief mir bei den Songs der Hollies, Kinks und Byrds der berühmte Schauer über den Rücken und ich wusste sofort, dieses Gefühl holst du dir bei dieser Band irgendwann noch einmal. Also wieder mal Kunsthof in Gohlis, wieder mal schönes Wetter und wieder sind viele gekommen, die voll Spannung auf ein besonderes Ereignis warten. Mir scheint fast, dass hier eine Party in großer Familie stattfinden wird. Man überreicht zum Jubiläum kleine Geschenke, man gratuliert, freut sich über ein Wiedersehen und im Hintergrund der Bühne werden auf einer Leinwand Fotos aus den Anfangsjahren der Band und der Beatmusik gezeigt. Die frühen NOVIKENTS beim Proben, Fotos irgendwo in der Dresdner Neustadt, Fotos der Beatles, der Hollies und sogar die aus dem Nachbarnland Polen stammenden TRUBADURZY (Portrait: HIER) kann ich erkennen. Alles einfach so neben- und nacheinander, nur dem ursprünglichen Spirit der Beatmusik folgend. Als die ersten Gitarrentöne erklingen, ist die Hütte proppevoll und selbst einen Stehplatz zu ergattern, ist ein schwieriges Unterfangen. Da vorn musiziert die klassische Beat-Besetzung, zwei Gitarren plus Gesang sowie Bass und Schlagzeug und genau so klingt das Ganze auch. Die beiden Gitarristen wechseln sich beim Singen am Mikro ab und im typischen Sound meiner Jugendjahre ertönen Songs wie "Bus Stop" von den Hollies, bei denen einst Graham Nash den Ton anführte, oder "Feel A Whole Long Better" von den legendären Byrds, die Country und Folk mit Beat vermengten. Selbst so eine eher unbekannte Nummer wie "No Matter What" von Badfinger, eine Band, die George Harrison von den Beatles entdeckte, wird gespielt. Boby Dylan kommt als Robert Zimmermann mit "It's All Over Now, Baby Blue" zu ehren, und zwischendurch gibt es immer mal wieder auch eigene Stücke der NOVIKENTS zu hören. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, denn der Abend ist lang. Natürlich Musik der Beatles ("I Saw Her Standing There") oder vom Zungenbrecher Creedence Clearwater Revival ("Who'll Stop The Rain"). Der typische Sound der Beat-Jahre, die Stimme des Lead-Sängers im Wechselspiel mit der zweiten Stimme im Chorus, die kurzen und knackigen Gitarren-Soli und natürlich der Spaß auf der Bühne, sind die Zutaten, die noch heute begeistern und selbst ein kleiner Steppke, der noch im Kindergartenalter steckt, kann sich dem nicht entziehen. Nur ich selbst bin wohl einer der wenigen Anwesenden, die das alles hautnah aus dem Dampfradio und auf dem Tanzsaal miterlebt haben, scheint mir in diesen Minuten. Aber genau bei dieser Musik kann ich alles um mich herum vergessen und weil's so schön warm und eng ist, kommen die Assoziationen an damalige Tanzabende wie von selbst mir bewusst, welch großes Glück es ist, sagen dürfen, dass man diese Zeit miterlebt hat.
Mir war es nie vergönnt, die originalen Hollies, Byrds oder Kinks im Beat-Zeitalter erleben zu können, obwohl genau dies meine wilden Jugendjahre waren. Auch bei der Bravo-Beatles-Blitz-Turnee war ich nicht dabei. Nicht, dass ich nicht gewollt hätte, aber Parteitagsbeschlüsse der SED in der DDR hatten diese Art Jugendleben immer ausgespart und nicht jeder der damals "Jugendfreundlichen" konnte dieses "Yeah, Yeah, Yeah" richtig aussprechen, geschweige denn auch wirklich verstehen. Die Sachsen sagen eben "Nu" und die Thüringer ein verkürztes "Gel" und die Arbeiterkinder John oder Mick sagten eben "Yeah!". Das hätte vielleicht mal einer einigen Sturköpfen umgangssprachlich erklären sollen, dann wäre ich vielleicht auch einmal bei einem Beat-Konzert der Tremeloes oder Searchers gewesen und als Vorband hätten nicht die Rattles gespielt, sondern die Sputniks auf der Bühne gestanden. Dieser bittere Beigeschmack ist natürlich auch zu spüren, nur will ich mir dadurch nicht all das, was ich von der popmusikalischen Weltrevolution damals mitbekommen und selbst miterlebt habe, vergällen lassen. Wer kann schon von sich sagen, bei der Theo Schumann Combo tanzen gewesen zu sein und Uve Schikora, mit Matko und Hansi Beyer, live in einem der vielen "Pressluftschuppen" erlebt zu haben? Ein kleines Stück Gefühl von dem, was ich damals alles verpassen und deshalb illegal einführen musste, hab' ich gestern mal wieder nachgeholt und irgendwann vielleicht, wenn die neue CD der NOVIKENTS abgemischt und gepresst sein wird, werde ich mir Nachschlag holen und dann auch wieder dieses Sächsische "Jeh, Jeh, Jeh" (Zitat: Walter Ulbricht) in der Erinnerung haben und trotzdem "Yeah! Yeah! Yeah!" wie die Beatles singen. Bis denne also und see you later, with Ringo Starr in Berlin.
Fotoimpressionen:
![]() ![]()
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |