MEYSTERSINGER live im "Theater unterm
Dach" zu Berlin am 4. November 2011



Bericht:
Andreas Hähle

Bilder:
Patricia Heidrich





LIEDER UND GESCHICHTEN AUS DER DUNKELKAMMER
Meystersinger - das ist das neue Projekt von Luci van Org, der Dame mit den vielen Namen wie Lucilectric, auch eben einfach Luci van Org, Übermutter oder nun Meystersinger - und genau das ist jedoch wiederum eine Falschaussage. Denn es handelt sich nicht um das Projekt einer einzelnen Sängerin, Schauspielerin, Autorin und was weiß ich nicht noch alles an zu betitelnden tatsächlichen Talentpotentialen die in ihr stecken. Es ist das Projekt zweier Menschen. So soll es verstanden sein, und so fühlt es sich auch an. Die zweite Person ist Roman Leitner-Shamov, ohne welchen dieses Projekt in gar keinster Weise aus meiner Sicht ein solches hätte werden können wie es nun eines ist. Was jedoch nicht behaupten will, dass es ohne Luci van Org ein solches geworden wäre, denn dies wäre eine weitere Falschaussage. Da ist eine künstlerische Symbiose zu erleben auf der Bühne und auf der mittlerweile vor der eigentlichen CD erstellten EP "Vier" wie sie wohl seines- oder sollte man besser sagen ihresgleichen sucht. Als wären sie schon ewig unzertrennlich gewesen, sich einander ergänzend, verehrend, belächelnd, miteinander vertraut, ja verwandt. Seelenverwandt. Ein Glücksfall und ich glaube nicht, dass es sich bei diesem Eindruck um eine inszenierte Täuschung handelt. Luci van Org und der Schauspieler, Musiker und Sänger Roman Leitner-Shamov sind so gegensätzlich einheitlich, dass es schon alleine Spaß macht, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie miteinander und dabei vor allem füreinander agieren. Und das erfühlt sich sofort, wenn man staunend im Publikum sitzt und das Maul nicht mehr zubekommt und nicht genug davon kriegen kann, was die beiden da für uns singen, erzählen und improvisieren. Nun kommt natürlich positiv erschwerend hinzu, dass beide auch noch auf wundervollste Weise ihr Handwerk beherrschen, scheinbar mühelos. Und selbst wenn mal etwas schief geht und ein bisschen etwas ging ja auch schief, ist das einfach nur ein humorvoller zutiefst menschelnder Effekt, der jede Starallüre abkreidet. Beide sind lebendig, hier und unter uns, und was sie uns zu sagen, respektive zu singen haben, zeugt von einer derartig überzeugenden Empathie für jedwede Arten von Menschen, solange sie respektierfähig sind, dass man ihnen abnimmt zu wissen, was mitfühlen und mitdenken heißt, denn wir dürfen es mit ihnen.

Daß es morbide ist, war teilweise nicht anders zu erwarten und ich glaube, ich wäre hochgradig enttäuscht, wenn dieser scharfe Abstand von jedwedem vorgebildetem Ästhetikpotential nicht gewesen wäre. Aber ich wurde ja nicht enttäuscht, ich wurde begeistert, mitgerissen, ja noch viel schlimmer und arglistiger: Ich wurde süchtig gedrogt nach der eigenwilligen und ganz besonders einzigartigen Kunst des Duos, der "Meystersinger". Luci van Org und Roman Leitner-Shamov lernten sich, so erzählten sie mir in einem Interview zur Oktoberausgabe meiner Sendung "Wahl-Lokal", während der Vorbereitungen zu einer Hochzeit kennen, zufällig. Und es war wohl einer jener Glücksmomente, welche ein höheres Wesen nur den ganz Begnadeten schenkt, als Lohn für Mühe und Arbeit, ein Pendant, ein notwendiges, ein weiterbringendes für jeden der beiden. Kurze Zeit später wurden sie selbst ein Paar, ein künstlerisches. Und wenn sie liiert sind, so richtig als Mann und Frau, dann nur in der Comedy-Serie "Heim Herd Hund", welche zu Halloween auf ZDF Kultur lief.

Sie sangen an diesem Abend im "Theater unterm Dach" ohne Mikrofon, technisch verstärkt durch eine elektronische Kapelle aus einem Wiedergabegerät, welches im Dunkeln zu bedienen gar nicht so einfach war. Das war etwas, was manchmal schief ging, höchst sympathisch kommentiert, ja selbstironisch sich selbst sezierend und sich so dem Publikum in Gänze gönnend.

Ich konnte wegen der Dunkelheit, die allerdings auch einen besonderen Sinn hatte, nicht wie üblich während des Konzertes "live" mitschreiben, so dass ich meine Erinnerungen nicht mit Einzelheiten wie dem Setlistenablauf und ähnlichem belasten möchte und auch gar nicht kann, ohne die möglichen Tücken eines Gedächtnisses wie dem meinem, welches mitunter Phantasie und Wirklichkeit nicht auseinanderzuhalten vermag, zu vermeiden. So verbleibt mir lediglich darauf zu verweisen, dass während der Konzerte die besagte EP verkauft wird oder noch günstiger, man möge warten bis zum 10. Februar, wenn die CD "Trost" erscheint. Der Titel "Trost" läuft ja im "Wahl-Lokal" und kann schon mal vorgehört werden für 30 Sekunden auf der Rockradio-Seite oder man bemüßigt sich, auf facebook nach derartigen Klangbeispielen des neuen Projekts zu suchen. Die Dunkelheit war vonnöten, weil die "Meystersinger" ihre Titel mit einer ungewöhnlichen und sehr imposanten Lichtshow illustriert haben neben den choreographischen Finessen, welche mehr dem Schauspiel als so etwas wie einem Tanz zuzuordnen sind. Mittels eines Beamers stellten sie auch während der Sangesdarbietungen ihre Körper als Leinwand zur Verfügung. Die nicht ganz so ungewöhnliche Kleiderordnung - wenn man Luci van Orgs Auftritte bereits kennt - gibt eine solche Möglichkeit.

Die Lieder selbst, ich deutete es bereits an, sind textlich von einer großartigen oft sich selbst (auf das Publikum bezogen) entlarvenden Tiefe, dass es manchmal weh tut und manchmal auch zu Lachsalven animieren möchte. Es trifft einfach und trotz oft verqueren Humors den Kern der Sache. Oder der Sachen. Die da sind Liebe, Leid, Missverständnis, Tod - die Themenpalette ist mit Sicherheit nicht breiter als die anderer Künstler ähnlicher Profession, aber im wesentlichen empathisch bis in Details hinein ausgefeilt. Die Bilder der Metaphern sind grandios. Und ohnedies macht es einfach glücklich und mehr als aufmerksam, diesen beiden großartigen Sangestalenten beim Zelebrieren mit einer ungeheuer beeindruckenden scheinbaren Leichtigkeit zuzuschauen und zuzuhören. Und das Ganze ist nicht nur zutiefst ins Herze gehend, es ist teilweise auch noch witzig. Es ist eine Art Seelenhumor, der keine Tabus kennt (obschon er nie unter die Gürtellinie will und da auch gar nicht hingehört), der sich nicht scheut, Menschen als Menschen empfinden zu lassen.

EP "4" - erhältlich
bei den Konzerten

Angereichert war der konzertante Teil mit gemeinsamen dialogisierenden Lesungen aus Luci van Orgs Büchern "Sonnenbrandland" - recht aktuell erschienen - und dem bereits von einem anderen Projekt, dem mit dem Autoren Sabottka, bekannten "Der Tod wohnt nebenan". Und da ging mir spätestens auf, was ich bereits beschrieb. Luci van Org und Roman Leitner-Shamov ergänzen sich gegenseitig auf's Wundervollste und immer wieder Bestaunenswerte. Mitunter wirkten sie wie zwei seelisch-siamesische Zwillinge. Ein großer Genuß, diese harmonisierende Diskrepanz. So erzählten sie uns lesend auf phantastisch und dennoch im Hintergrunde realistische Weise von der Zerrissenheit zwischen künstlerischem Anspruch und dem notwendigen Geldverdienen mittels niederen Erwerbsarbeiten. Nicht ohne dem in Verbindung mit Luci van Org unvermeidlichem Gothic-Einschlag. Das Publikum lachte teilweise schallend, nicht nur wegen der Witzigkeit der Erzählungen, auch über die grandios erfrischende Darstellungsweise der beiden Protagonisten. Auch begegneten wir der Geschichte vom "Scheinriesen" wieder, welche ich auf diesem Portal schon einmal etwas eingehender beschrieb. Die Geschichte einer morbiden Liebesbegegnung.
Und dann noch die Geschichte vom Jesus als Halloween-Spektakel, von der Kirche als "Saw"-Kulisse. Der reale Horror. Splatter im Sakralgebäude. Mit Blut und Körperschmaus (von Jesus eben) und allem, was ein Horror phantasiebegabten Kindern bedeutet.

Nun habe ich gar nichts über die Lieder geschrieben. Ich habe nur versucht sie allgemein zu beschreiben. Ich werde es versuchen nachzuholen, wenn es an der Zeit ist. Wenn die CD erscheint, im Februar. Das geschieht nicht, weil ich faul bin (was ich natürlich bin), sondern weil ich nicht über sie schreiben kann. Man muß sie hören, die Titel. Jeden einzelnen. Und dann wird nicht in Worte zu fassen sein, was schon gesagt ist. Es sind Lieder, die man fühlen kann. Nicht immer sofort, nicht immer auf die Schnelle, aber in dieser Inszenierung, in dieser konzertanten Lesung, zutiefst. Und dieser Eindruck geht nur wirklich nahe, wenn man ihn selber hat. Und ich hoffe, das ist in diesem Falle "über die Lieder schreiben" genug. Doch es gibt ja einen Trost, die CD erscheint am 10. Februar. Doch ich glaube, sie wird das Live-Erlebnis nicht kompensieren. Es werden zwei verschiedene Kunstwerke sein, die Titel auf einem Album und die Performance dazu. Auf beides sollte man sich einlassen und ich verspreche, dann geht es Euch gut.



Die nächsten Termine:
18.11.2011 - Berlin - orangelab
08.12.2011 - Berlin - "artgerecht accoustic stage"
10.02.2012 - Berlin - "Berghain" (CD-Release-Party)
nähere Infos auf der Facebook-Seite des Projekts...


Bitte beachtet auch:
- off. Facebook-Seite der Meystersinger: HIER
- Portrait über Luci van Org: HIER






Live-Impressionen: