John Mayall live im C-Club
zu Berlin am 11. Juli 2011



Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer





"Der Blues sei Sache der Schwarzen,
ihn zu spielen gehört ein schwarzes Gesicht..."

(Stefan Diestelmann "Bluesgeschichte", 1980)

Ursprünglich war es tatsächlich der schwarzen Bevölkerung Amerikas vorbehalten, den Blues bekannt zu machen und unter das Volk zu bringen. Wikipedia sagt dazu:
"Blues ist eine vokale und instrumentale Musikform, die sich in der afroamerikanischen Gesellschaft in den USA Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat." Und weiter: "Der Blues ist eine eigenständige Form schwarzer US-amerikanischer Folklore...".

Ohne jetzt einen kompletten Abriss der Blueshistorie geben zu wollen, denn das würde Tage dauern - der Blues entwickelte sich mit seinen unendlich vielen Spielarten rasant weiter und fand seinen Weg aus den Slums und Ghettos raus in die weite Welt. In den USA entstanden die weltberühmten Blueskneipen, wo sich in den 60er und 70er Jahren die Stars der Szene herausschälten, beispielsweise B.B. King, T-Bone Walker, Muddy Waters, John Lee Hooker usw. Doch parallel dazu entwickelte sich auf europäischem Boden, speziell in England, eine eigene Bluesszene mit vielen weißen Musikern, als deren Väter vor allem Alexis Korner und John Mayall gelten. Korner starb 1984, während John Mayall bis heute auf der Bühne steht und den Blues lebt.

Am gestrigen Montag ergab sich die Gelegenheit, diesen Godfather des weißen Blues live zu erleben. Im Rahmen seiner Europatournee standen nur 2 Deutschland-Konzerte auf dem Plan, nämlich Hamburg und einen Tag später Berlin. Als Location wurde der C-Club ausgewählt, was eine wunderbare Entscheidung darstellte. Ich liebe diesen Club, er ist angenehm übersichtlich, bietet eine super Akkustik, und vor allem ist er gut erreichbar. Obwohl es ein Montag, also Arbeitstag war, sammelten sich schon 90 Minuten vorher enorm viele Bluesfans mittleren Alters (und stellenweise noch viel älter) vor der Halle. Starten sollte die Party um 20:00 Uhr, aber natürlich war das Illusion. Ich muss sagen, dass mich dieses künstliche Hinauszögern eines Konzertbeginns mittlerweile tierisch nervt. Ich bin ein eifriger Konzertgänger, kann mich aber wirklich an kein einziges Konzert der letzten zwei Jahre erinnern, welches tatsächlich pünktlich begann. Man kann es natürlich hin und wieder damit begründen, dass es am Einlass noch ein paar Wartende gibt. Okay, dann muss ich eben die Türen ein paar Minuten früher öffnen, denn ich weiß als Veranstalter vorher, mit wie viel Besuchern ich zu rechnen habe. Gestern passte diese Ausrede allerdings nicht. Also was soll diese Zeitschinderei?


John Mayall früher (Pressefoto)

800 Besucher passen in den Club, und ich würde mal sagen, dass es gestern Abend auch annähernd so viele waren. Die Luft war schon jetzt sehr stickig, aber um 20:20 Uhr (also diesmal "nur" 20 Minuten verspätet) wurde es endlich dunkel. Ein älterer Herr mit weißem Haupthaar und einem dicken Zopf hintendran betrat mit einem Lächeln die Bühne. Jubel erhob sich, und John Mayall begrüßte seine Berliner Fangemeinde auf seine ganz eigene Art: er beugte sich von der Bühne runter und reichte der 1. Reihe persönlich die Hand. Ein wunderbarer Einstieg. Nun fragte man sich natürlich, "Wo sind seine Musiker?" Erstmal blieb er jedenfalls allein auf der Bühne und schmetterte seinen ersten Song solo ins Mikrofon, wobei er pausenlos zwischen Gesang und seiner Mundharmonika wechselte. Ab der Hälfte des Titels bediente er dann mit der freien rechten Hand auch noch sein Keyboard. Schon hier wurde klar, da vorne steht ein echter Meister seines Fachs. Leider kannte ich den Song nicht namentlich, aber das Publikum schaukelte sich schon jetzt in Ekstase. Nun durfte auch seine Band auf der Bühne erscheinen. Ab jetzt entwickelte sich ein Blueskonzert, wie ich es in dieser Intensität noch nicht erlebt habe. John Mayall stand ganz vorne und mittig am Bühnenrand, vor sich sein Keyboard. Er war ohne Frage der Star. Seine Mitstreiter hielten sich immer etwas im Hintergrund. Die Titelauswahl an diesem Abend war exzellent und sehr abwechslungsreich. Kunststück, der Mann hat bis heute 59 (!) Alben veröffentlicht, kann also aus dem Vollen schöpfen. Anfangs wurden einige neue Songs gespielt, dann aber auch etliche Klassiker, auch von anderen Bluesgrößen wie Sonny Boy Williamson. Bluesmusiker haben ja überhaupt keine Scheu, Nummern von Kollegen zu covern und in ihrem eigenen Stil zu interpretieren.

Nicht jeder Titel, der auf die Bühne gebracht wurde, war mir bekannt. Muss es ja auch nicht. Dabei waren aber definitiv folgende:
- Nothing to do with love
- The sum of something
- So many roads
- Chicago line
- Help me baby
- Room to move


... und heute (Pressefoto)

Was mir besonders gefiel, war der sessionartige Charakter, den manche Songs entwickelten. Was heißt manche, eigentlich gab es keine Nummer, die weniger als sechs, sieben, acht Minuten lang war. Je länger das Konzert dauerte, um so wärmer spielte sich vor allem Gitarrist Rocky Athas. Im Wechselspiel mit Mayall's Harp und dessen Keyboard verfiel Rocky Athas immer wieder in glänzend ausgespielte Soli. Es gab nicht nur einmal begeisterten Szenenapplaus der Fans, was Athas sichtlich gerührt und erfreut quittierte. Überhaupt haben ja schon jede Menge Gitarristen bei John Mayall gespielt, aus denen sich später echte Hochkaräter entwickelten, wie z.B. Peter Green, Eric Clapton, Mick Taylor. Und auch Walter Trout, einer meiner absoluten Lieblingsbluesrocker der heutigen Zeit, spielte von 1984 bis 1989 bei John Mayall und nutzte diese Zeit als Sprungbrett für seine spätere Solokarriere. Möglicherweise gelingt ja auch Rocky Athas mal der Absprung in eine eigene Band, das Zeug dazu hätte er auf jeden Fall.

Bei einem Mayall spielen halt nur die Besten. Qualifiziert hat sich dafür auch Bassist Greg Rzab, der zwar äußerlich sehr ruhig und eher schüchtern wirkt, aber dessen Fingerfertigkeit am Bass grenzenlos zu sein scheint. Mein lieber Schwan, was da an Soloeinlagen zu hören war, dürften nur ganz wenige drauf haben. Ich hatte nur immer das Gefühl, John Mayall musste ihn förmlich drängen, sich mal gehen zu lassen und die eine oder andere Soloeinlage hinzuschmettern. Beim letzten Song des offiziellen Teils, dem allseits bekannten "Room to move" forderte Mayall seinen Bassisten zu einem minutenlangen Duell heraus, in dem er die unmöglichsten "Scrabadabdidudascrabidadudideiscrabidibidu"-Laute intonierte und Greg Rzab diese an seinem Bass versuchte nachzuspielen. Ich denke mal, diese Einlage wird Standard sein, aber die Auswahl der Laute wird schon spontan erfolgen. Rzab hatte sichtlich Spaß an der Herausforderung, das Publikum ebenfalls.
Überhaupt wurde die "Room to move"-Nummer zu einem absoluten Highlight des Abends, weil alle Musiker noch mal voll in die Eisen stiegen und powerten, was das Zeug hielt. Selbst Drummer Jay Davenport kam während des Songs zu seinem Solo, und Mayall quälte vor allem seine Harp ein letztes Mal ausdauernd und voller Hingabe. Nach zwei Zugaben entließ das begeisterte und regelrecht tobende Publikum John Mayall und seine Bandkollegen dann in den Feierabend, schließlich braucht der alte Mann seinen Schlaf.


John Mayall (Pressefoto)

Alter Mann? Ja, denn Mayall ist inzwischen 78 (!) Jahre alt. In der U-Bahn würde ich wahrscheinlich für ihn aufstehen und ihm meinen Platz anbieten, wenn er auf mich zukäme. Auf der Bühne allerdings ist davon nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Der Mann hat nach wie vor eine bemerkenswerte, kräftige Stimme, die er je nach Titel auch mal variiert und in zarte Töne umwandelt. Seine Bewegungen am Keyboard wirken geschmeidig und rhythmisch, auch gerne mal ekstatisch. Er hatte nur immer wieder mit den Tücken der Technik zu kämpfen, wenn er nämlich die Klangfarbe seines Keyboards umstellen musste: Doch er nahm diese Momente mit bemerkenswerter Lockerheit, lachte darüber und warf öfters mal ein verschmitztes "Machine...." dazu in den Saal. Vor allem ist es mir ein Rätsel, wie dieser Mann es ein ganzes Konzert lang schafft, mit voller Kraft zu singen, im nächsten Moment wieder seine Harp anzusetzen und ihr berauschende Klänge zu entlocken, um einen Wimpernschlag später erneut seine Stimmbänder zu strapazieren. Ich fragte mich jedenfalls mehr als einmal: woher nimmt der Mann nur die Luft, was muss der für Lungen haben?!

Mir wird das Konzert dieser Blueslegende in ewiger Erinnerung bleiben. Was da geboten wurde, war nicht 1. Liga, nicht Champions League - nein, das war Weltklasse. Ebenso großartig fand ich die Berliner Zuschauer, die John Mayall wirklich feierten und grenzenlos bejubelten. Es blieb einem auch gar nichts anderes übrig. Passend zu dem einmaligen Bluesfeeling war wahrscheinlich jeder einzelne Besucher nach dem Konzert total durchgeschwitzt, denn die Luft stand regelrecht in dem kleinen Club. Genau so stelle ich mir einen Besuch in einer Blueskneipe im Chicago oder New Orleans der 60er Jahre vor: es ist eng und stickig, man schwitzt sich halb zu Tode, merkt aber nichts davon, weil einem der Blues alle trüben Gedanken aus dem Hirn pustet.

Leider kann ich meine Eindrücke diesmal nicht durch Fotos ergänzen, da ich für diese Veranstaltung keine Foto-Akkreditierung hatte, und die Security der Columbiahalle absolut humorlos reagiert, wenn es um die Mitnahme von Kameras in den Hallenbereich geht. Vielleicht sollte ich mir für solche Fälle auch mal eine kleine Knipse anschaffen, denn die waren komischerweise vielfach im Einsatz. Leider fotografiere ich nur mit Spiegelreflex, habe damit also null Chancen, an der Security vorbei zu kommen. Sehr schade.