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Katrin Lindner live auf dem "Farmland Hof" in Quadenschönfeld am 29. April 2010 (Record Release-Konzert zum aktuellen Album "Nichts bleibt") Bericht: Fred Heiduk Fotos: Matthias und Sebastian Ziegert
Katrin Lindner, die Rock Lady des Ostens schlechthin, die alles zwischen Jane Birkin, Stevie Nicks und Tina Turner hätte auf ihre Art interpretieren können, allerdings zu Ingeburg Branoner Texten, auf ihre eigene unnachahmliche Art gewissermaßen auch interpretiert hat... Die Frau, die mit "Abendträume" einen der emotionalsten Titel der DDR Musikgeschichte überhaupt geschaffen hat, und die mit ihrem "Ich bin der Clown" sicher nicht nur mir förmlich aus der Seele sprach. Diese Frau hat nach vielen Jahren ein brandneues Album geschaffen und stellte es nun erstmalig öffentlich vor. Ich kann kaum beschreiben, welche Gedanken mir bei der Info durch den Kopf gingen, ist doch die LP "Heiße Tage" - nicht zuletzt wegen dieser unverwechselbaren Stimme mit dem gewissen Etwas die Ost-Platte schlechthin für mich - meine Lieblingsplatte. Würde Katrin Lindner da heranreichen? Hat sie überhaupt noch das stimmliche Vermögen dazu an "Heiße Tage" anzuknüpfen? Wie klingt das, wenn Schubi nicht komponiert und Katrin Lindner selbst textet? Solche und andere Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich mich auf den 400 Kilometer weiten Weg zu einem der ganz großen Idole meiner Jugend machte. Nach vier Stunden und einigen Kilometern nach dem Schild, auf dem "Stettin 23 km" stand, auf der kleinen Straße von der Gaststätte "Zum Bahnhof" zum Farmlandhotel überholte ich einige Fußgänger, unter denen ich André Gensicke, Sonny Thet und Katrin Lindner erkannte, und war geradezu abrupt angekommen.
Es zeigte sich zunächst, dass der kleine Raum mit etwa 60 Plätzen völlig ausverkauft war und noch einige zusätzliche Plätze geschaffen werden mussten. Dann betrat zunächst Sonny Thet das von vielen Bildern eingerahmte Podium. Zunächst ganz leise erklang ein Ton, der sich binnen weniger Augenblicke zu einer fast sphärischen Melodie steigerte, den gesamten Raum füllte und das Publikum aus der Idylle des Frühlingabends in das Jetzt des Konzerts holte. Unglaublich, wie sauber Sonny Thet den Bogen führte. Mit Hilfe eines winzigen Effektgerätes fügte er Ton um Ton aneinander und machte sein Cello so zu einem kleinen Orchester, mit dem er eine zauberhafte Melodie spielte. Eigentlich viel mehr als eine Melodie! Das war mal ein Tanz, mal eine Sinfonie. Irgendwie kam mir der Gedanke an Griegs "Peer Gynt". Unglaublich, dass man so etwas mit nur einem Cello zaubern kann. Phantastisch! Ich war gekommen um Katrin Lindner zu erleben und bekam als Zugabe einen der besten Cellisten Europas mit einer einzigartigen Miniatur als Zugabe. Die Brillanz Thets ließ in mir die Gewissheit reifen, Katrin Lindner würde mindestens so überzeugend sein, wie es Sonny Thet war.
Hatte schon das erste Lied "Halt mich fest" dem Namen nach an alte Zeiten erinnert, kam nun ein Punkt, den ich mit einem Klos im Hals registrierte. Katrin Lindner sagte "Der Clown" an. Bis dahin war die so markante Tonfärbung der Katrin Lindner aus ihren Schubert Band-Zeiten noch nicht einmal zu vernehmen. Sollte das etwa eine Interpretation meines geliebten alten "Clown" sein? Ja und nein. Nein, da das Lied musikalisch absolut nichts mit dem alten Titel zu tun hat, und ja, weil es wie damals darum geht, dass viele Menschen von einem Clown nur seine Maske wahrnehmen, die sich der Clown oft genug freiwillig oder zum Schutz aufsetzt. Grandios wie Katrin Lindner durch ihren Gesangsstil mit dem Publikum geradezu spielte. Den neuen Clown sang sie derart dezent, dass man vermeinte, das Publikum würde den Atem anhalten, um keine Nuance des Titels zu verpassen. Das hatte den Effekt, dass die akzentuiert gesetzten Töne Gensickes am E-Piano besonders deutlich, und das grandiose Cello Sonny Thets als eine unverzichtbare und wunderbar stimmige Backgroundstimme wahrgenommen wurden. Spätestens hier wurde klar, was für ein fantastisches Trio hier auf der Bühne stand und wie sehr musikalisch jeder der drei des anderen bedarf. Und, dass die Brillanz in den Kompositionen im Verzicht auf opulente Motive und großes Drumherum besteht. Katrin Lindner hat durchweg großartige Lieder geschrieben, die vom Zusammenspiel Stimme, Cello und Piano leben, wobei die von ihr gesungenen Texte das zentrale Objekt jedes Stückes sind. Hatte mich der "Clown" schon begeistert, konnte mich Katrin Lindner im Weiteren immer wieder überraschen. So im Titel "Dunkelheit", den sie zwar als einen ihrer "Novemberlieder" ankündigte, bei dem sie aber ungemein Kraft und Optimismus versprühte, indem sie Passagen des Refrains genau mit der Kraft sang, die Katrin Lindner immer ausgezeichnet hat.
Der Zuspruch in der Pause muss wohl auch die letzten Zweifel bei Katrin Lindner darüber zerstreut haben, ob der Auftritt gut sei (falls es die da noch gab). Da war auch nichts was den Zweifel hätte nähren können. Die wunderschönen Lieder, in denem Gensickes Pianospiel zeigte, wie wirkungsvoll man aus zwei, drei Tönen eine grandiose Melodie herleiten kann, und wie wichtig dabei jeder Ton ist; die von Katrin Lindner gesungenen verständlichen, klaren Texte die allesamt von ihr selbst geschrieben worden sind und Sonny Thets beseeltes Cellospiel, ohne das die Titel unfertig geblieben wären - das alles ist ein Paket, wie man es heute im Grunde nirgendwo in dieser Klasse findet. Dieses Paket konnte nur entstehen, weil sich die drei Künstler bedingungslos aufeinander einließen. Katrin Lindner, die die Grundlage schuf, indem sie die Bilder malte, einige vertonte und zu den Liedern die Texte schrieb, die sie nun endlich vortug. Andre Gensicke, der die Lieder arrangierte und hier und da mit kleinen und großen Ideen und großem Können, mal mit einem Intro, mal mit einen paar Tönen in einer Überleitung aus den kompositorischen Rohdiamanten, lupenreine musikalische Brillanten machte, sowie Sonny Thet, dessen Cello diesen Juwelen einen selten so erlebbaren warmen Ton verleiht. Eine Kleinigkeit gab es doch, die man vielleicht kritisch anmerken könnte. Der Titel "Du denkst nicht wie ich", ein ganz neuer Titel der nicht auf der CD enthalten ist, wurde mit einer zweiten Stimme im Refrain geboten. André Gensicke sang mit beachtlicher, warmer Stimme liedhaft, während Katrin Lindner, die bei der Schubert Band live meist ohne Background agierte, viel energischer agierte. Die Interpretationen passten in dem Moment irgendwie nicht recht zusammen, hatte ich das Gefühl. Das könnte daran gelegen haben, dass Katrin Lindner bei jedem ihrer Lieder, und es sind die Lieder ihres Lebens, so viel Emotionen zeigt, dass sie den Titeln mitunter einen ganz eigenen Charakter verleiht. Und da das relativ unvermittelt bei diesem Titel der Fall zu sein schien, gab es wohl die verschiedenen Interpretationen. Wie es hätte klingen sollen, konnte man bei der zweiten Zugabe hören. Da konzentrierte sich Katrin Lindner genau auf diesen Satzgesang und das funktionierte dann auch tadellos.
Das im Konzert auch vier nicht auf der CD befindliche, neue Titel geboten wurden, die die Geschichten Katrins Lindners in gleicher musikalischer Qualität fortsetzen, gibt Hoffnung auf eine weitere CD, auch wenn die aktuelle gerade erst erschienen ist. Die Aufführung in Quadenschönfeld wurde jedenfalls zu Recht derart bejubelt, dass es den Musikern Mut machen sollte für Weiteres. Nachdem Bravorufe während des Programms unterblieben, wurde Katrin Lindner nach dem Hauptteil des Konzertes wie auch nach dem Zugabeteil ehrlichen Herzens mit Standing Ovations gefeiert und musste nach der zweiten Zugabe um Verständnis bitten, dass sie jetzt aufhören müsse, da weitere, neue Titel erst noch geschrieben werden müssen. So ging einer der emotionsgeladensten Konzertbesuche für mich zu Ende, von dem ich noch lange zehren werde. Die anschließende After Show-Party dauerte bis deutlich nach Mitternacht. Mittendrin eine lockere und ausgelassene Katrin Lindner, die von allen Seiten höchstes Lob ob des Konzertes, aber auch ob ihrer offenen, natürlichen Art mit der sie ihre Geschichten zu erzählen bereit war, bekam. So habe ich meine Reise quer durch Deutschland keine Sekunde bereut, habe ich doch viel mehr als ein Stück meiner Jugenderinnerungen gefunden. Nämlich zum einen eine kleine, große Frau, die mit unglaublicher Energie an die kleinen Dinge des Alltags geht, sich von diesem einfach nicht unterkriegen lässt sondern vielmehr mit grandiosen künstlerischen Mitteln im Alltag das Besondere beschreiben kann. Zum anderen habe ich ein fabelhaftes Trio hören dürfen, das an Virtuosität kaum zu übertreffen ist, bei dem die grandiosen Individualisten zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen sind um Musik zu machen, wie sie derzeit in den Hitparaden nicht vorkommt, aber ganz nach oben gehören würde, da sie grundehrlich ist und höchstes musikalisches Niveau verkörpert. Meine Empfehlung lautet natürlich ganz klar: CD kaufen (wobei wir gern behilflich sind) und auf einschlägigen Seiten nachschauen, wann möglicherweise das Trio Lindner / Gensicke / Thet in der Region ist. Dann nichts wie hin. Ich bin sicher: Von der neuen Katrin Lindner werden nicht nur die alten Fans begeistert sein. Die neue CD kaufen? Hier...
Fotoimpressionen:
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