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Christian Kunert: Lesung im alten Pfarrhaus zu Löhma am 17. Juni 2010 Bericht: Steffen Huth Fotos: Holger John
Dann kam der Klassenfeind, Monster, der Sänger dieser Band Renft, von der alle Mitglieder, u.a. auch durch das Engagement der Partei und Staatsführung, zum Mythos wurden. So begaben sich Generalsekretär, OM und Klassenfeind in das Volk, welches jetzt dem Kuno lauschend, sitzend, volkte. Kuno spricht. Er klingt komisch. Ich habe bei Leuten bemerkt, die taub sind, dass sie eine komische Aussprache haben. Das war bei Kuno aber nach ca. 200 Wörtern weg. Er war der alte, humorvolle Sachse. Bescheiden, wie er nun mal ist, regte er an, ihn doch zum Bundespräsidenten zu wählen. Aber da ist ohne Volksentscheid eh nichts zu machen, also erzählte Kuno von früher. Und deshalb waren auch die von früher da. Ein netter Kumpel (hab leider seinen Namen vergessen) hatte früher bei Kuno im Haus gewohnt. Er konnte sich noch erinnern, als Kuno's damalige Frau auf gepackten Kisten auf die gemeinsame Ausreise wartete. „Und Jochen wohnte gegenüber und man konnte sein trommeln schon morgens aus dem Keller hören“, erzählte er mir. Ja mir kann man es ja erzählen, ich war ja nicht dabei. Also lauschte ich weiter gespannt. Kuno`s Schwerpunkt könnte eigentlich sein Bauch sein, nein, es ist Gerulf Pannach. Keine Frau, keine Sau, kein Renft. Nur Gerulf Pannach ist der rote Faden seines Programms und ohne ihn ging's wohl wirklich nicht, vor allem in Westberlin. Die Liedermacherkarriere ist Kunos Karriere, nicht die als Mitglied von Renft. Die Kuno Bänd kam kaum zum Vorschein, dafür aber der politische Mensch Christian Kunert. Ich glaube er ist links. Zumindest saß er links von mir. Trotzdem wollte ihn ein linker Staat nicht haben. „Damals wollten wir nur Musik machen“, doch der Musiker entwickelte sich. Er bildete sich, nicht unwesentlich von Gerulf beeinflusst, seine eigene Meinung von einem linken Staat. Vor allem, was das freie Äußern von Meinungen betrifft. „Monster himself“ soll einmal von der Bühne gerufen haben: „Die Deutschen sind ein Volk von Denkern und Barbaren“. Das reichte erst einmal wieder für eine Vorladung nach Berlin, wovon Kuno noch ein Gedächtnisprotokoll vorlag. Er erzählte von der Verhaftung auf dem Alexanderplatz, auf dem er vorher noch mit Renft spielte. Oder dass sie im Stasiknast ihre Lieder - obwohl sie schon verboten waren - noch einmal vorspielen mussten, damit man als Beweis auch eine Stimmprobe hatte (Kostenpunkt nur für die Stimmprobe: 16.000 Ostmark). Bei manchen Stasibeamten soll beim Hören der Songs ein Lächeln über's Gesicht gehuscht sein. Und dann die Westberliner Zeit. Immer wieder zeigte er Ausschnitte von Bändern aus der Zeit, wo zwei bärtige Gitarristen auf der Bühne die „Glaubensfragen“ stellten, durchaus ernst gemeint, was eine gewisse Komik nicht verhinderte. Beide, Gerulf und Kuno, sollten damals oft verwechselt worden sein. Verwechseln konnte man sie aber mit dem Rest der bunten 80iger Jahre sicher nicht. „Leute, machen wir erst einmal Pause, aber nicht soviel Bier trinken“, meinte Kuno und ich ging noch einmal auf den Hof mit dem kleinen unaufgeräumten Atelier und es gab ein paar nette Gespräche mit Leuten, die ich nicht kannte. Wir mussten uns auch erst nicht vorstellen. Klar war, wir sind Ossis, hören in etwa die gleiche Musik und sind wegen Kuno da. Das schafft Vertrautheit. Im Saal des mit etwa 40 Zuhörern vollen alten Pfarrhauses ging es weiter. Eine Gitarre verdeckte den unteren Teil der Leinwand, also war klar: Kuno würde etwas spielen. Einmal, im ersten Teil, verzichtete er drauf und stellte sie wieder weg. Aber nun war es soweit. Kuno sang „Das Gefängsnislied“, eine Nummer, die mir bisher völlig unbekannt war. Seine Stimme erklimmt sicher nicht mehr alte Höhen und ich musste mich zu Monster, der hinter mir saß umdrehen. Denn heute spielt die Renft-Band mit Monster als Sänger auch ein Lied von Pannach und Kunert, „Sonne wie ein Clown“, und trägt somit das Erbe von Pannach/Kunert weiter. Es war eh eine schöne bizarre Situation. Vor mir (natürlich links) auf der Bühne eine Musikerlegende und hinter mir auch. Kuno ließ dann noch Videos durchlaufen (übrigens auch ein Ausschnitt vom legendären Ankerkonzert 1998), die Besucher verteilten sich in und am Pfarrhaus und es wurde noch viel diskutiert. Ich hatte das Vergnügen, mich mit Monster zu unterhalten, was für mich „Geschichtsunterricht Teil 2“ bedeutete. Schön war's, das Bier schmeckte und Kuno zu erleben ist allemal eine Reise nach Löhma wert. Ich habe gehört, es war einen Tag danach in Gotha auch sehr gut (oder noch viel besser). Da frage ich mich besorgt: Werden die Geschichten und Anekdoten überhaupt ausreichen um zukünftig wieder kleine Lesesäle zu füllen? „Dann muss ich mir eben etwas ausdenken“, beantwortete Kuno diese Frage verschmitzt auf der Bühne gleich selber. Na, bis es soweit ist, wird sich doch noch manches Archiv öffnen lassen - und Bier natürlich auch: „Prost Kuno, bis zum nächsten Mal“. Bitte besucht auch: www.kuno-kunert.de www.kunstverein-loehma.de weiterführende Links: www.andreas-schirneck.de www.renft.de
Fotoimpressionen:
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