Die HÖHNER live am 29.04.09
im Tempodrom zu Berlin



Bericht: Andreas Hähle
Fotos: Patricia Heidrich





NAJUCO HÖHNERMANIA IN BERLIN ODER EIN PHÄNOMEN DER DEUTSCHEN ROCKGESCHICHTE AUF TOUR
Kein Erklärungsversuch
Ich habe überaus sympathische Menschen kennen gelernt. Es waren jene, welche drei Minuten nach 20.00 Uhr im Berliner "Tempodrom" am 29.4.2009 auf die Bühne rannten. Einem da schon rasendem Publikum entgegen. "Wenn nicht jetzt, wann dann", der Nummer-1-Hit, gleich am Anfang. Und es lichteten sich die hinteren Reihen, es füllten sich die vorderen. Der Saal war bestuhlt. Und vor den Stühlen standen die Menschen und sangen mit. Das "Mit-Sing-Ding" (siehe auch das Interview: HIER) war noch gar nicht dran, aber ging schon auf. "Komm, wir nehmen das Glück in die Hand", sangen die "Höhner". Und vor allem nahmen sie das Publikum mit. "Hurra" toste dieses. Und auch das mit dem im Interview betonten Folk-Rock-Sound stimmte, wie mir bei diesem Titel auffiel. "Mir kumme mit allemann vorbei" (Festpiraten). Der Henning Krautmacher (bei den "Höhnern" seit 1986, Gesang, Gitarre) begrüßte das Publikum mit dem berühmt-berüchtigten Dieter-Thomas-Heck-Satz: "Guten Abend, Berlin!", und forderte es auf, sich wieder zu setzen. Eben wegen des bereits erwähnten Mitsing-Dings. Die musikalische Begrüßung war dann grenzübergreifend. "How Do You Do" auf Kölsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Die Band spielte sowohl perfekt als auch perfekt zusammen. Von Anfang an. Jens Streifling (der "Höhner"-Multi-Instrumentalist, seit 2003 in der Band, von "BAP" kommend, wo er zuvor 8 Jahre spielte) an der Mandoline, die er, wie er sagte, extra für die "Höhner" erlernte. Weiter verriet er mir, dass er mit Hannes Schöner ("Höhner" seit 1990, Bass) bereits Kompositionen für das nächste "Höhner"-Album geschaffen hat, und dass dieses Album sehr rockig werden wird. Die anderen "Höhner" kannten diese Titel zum Zeitpunkt dieses Konzerts selbst noch nicht.
"Du bist net alleen". Eine Rock-Ballade, wie man sie sich nur wünschen kann. Mit kraftvollem Chorus-Refrain und einer wuchtigen Gitarrenfront in diesem, während Henning auf einem Barhocker den Zuhörenden Mut zuröhrte. Ach, und der Jens erzählte mir auch, dass er bei seinem Einstieg bei den "Höhnern" nahezu alle "Höhner"-Titel kannte, ohne zu wissen, dass sie von den "Höhnern" waren.
Peter Werner (Ur-"Höhner", Keyboard) sagte den nächsten Song an: "Weg mit dem Raubtierkapitalismus! Jeder ist etwas Besonderes, aber niemand ist etwas Besseres!" In verrockter Folk-Tradition begann er nun zu singen, abgelöst von Henning und Hannes, nacheinander. Eine wunderbare Weise von jenen, die zusammen gehören, Schwestern und Brüder, das "Bürgerlied".
Den nächsten Titel kündigte Hannes an, der von seiner Oma erzählte, die immer sagte, man solle nicht bereuen, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat. "Spar dir die Träume nicht auf für morgen" sang er dann, auf kölsch. Zwei Akustik-Gitarren, eine E-Gitarre, ein Bass, ein kraftrockiges Lied. Nix mit Ramba-Zamba und Karneval.
Dann berichtete Henning von der "Höhner Rockin Roncalli Show" (siehe auch das Interview), bei der angeblich der Jens durch das Feuerrad springen wird und auf Stelzen laufen, erzählte davon, wie alt diese Idee schon sei und auch, dass jeder Zirkus seinen Clown bräuchte, im Falle des Circus Roncalli einen poetischen Clown. Und so schlüpfte er, fanfarenartig durch Jens Streiflings Saxophon angekündigt, in die Rolle des Clowns "Antonio". Sehr liedhaft, sehr melancholisch, sehr leise und nachdenklich. Auch das eben sind die "Höhner", ohne an Kräftigkeit zu verlieren. Und nach dem Schlussapplaus sang er mit dem Publikum, während die Techniker Barhocker hereintrugen, damit die Musiker sich alle in eine Front setzen konnten, um das "Mit-Sing-Ding" einzuleiten. Leider durfte Patti nur die ersten drei Titel fotografieren, so dass das Beschriebene nicht auf einem Foto von ihr zu sehen sein wird. Von links nach rechts waren da nun aufgebaut: Jens Streifling mit Gitarre, Peter Werner mit Akkordeon, Hannes Schöner mit Bass, Henning Krautmacher mit Gitarre, Janus Fröhlich (Ur-"Höhner", Schlagzeug) mit Schlagzeug und John Parsons (seit eineinhalb Jahren bei den "Höhnern", Gitarre) mit Gitarre. "Schön, dat Do do bes" könnte auch Letzterem gelten, dem "jüngsten" "Höhner". Das Publikum stieg sofort darauf ein und war da, einfach da, singend und schunkelnd und klatschend. Berlin, wie es singt und lacht.
Anmoderiert von "Pfarrer" Janus Fröhlich, gemäß dem christlich-katholischen Ursprung, welchem sich die "Höhner" selbst zuordnen, folgte "Nimm mich su, wie ich ben". "Leck ens am Arsch!" konnte ich auch ohne Dolmetscher verstehen. Ein schönes Schunkel-Liedchen, bis es sich durch einen rasanten Tempowechsel zur Rock-Dampfwalze entwickelte.
Bei "Gut so, wie es ist" trieben es die "Höhner" gleich mal auf die Spitze. Fast wie ein unplugged-Song gespielt, abgesehen davon, dass der Titel "Minsche wie mir" angekündigt wurde, was die sich ans Mitsing-Heftchen klammernden im Publikum wohl etwas verwirrte. Und schon machte das Publikum etwas weniger mit. Es kostet ja Zeit, erstens heraus zu finden, was da nun wirklich für ein Titel gespielt wird, dann diesen Titel im Heftchen zu finden, dann die Zeile im Heftchen, bei welcher die Band gerade ist und dann... ist die Musik schon aus...
"Politisch ist gar nichts so gut wie es ist." Ich war erstaunt über diese nicht zum ersten Mal gesagten politisch konkreten Aussagen, die ich von den "Höhnern" überhaupt nicht erwartet hatte. Solch eine Haltung erst einmal zu haben und dann auch noch so zu äußern, fällt leider manchmal gar Bands und Musikern schwer, die - theoretisch - das dafür empfänglichere Publikum haben. Hannes Schöner sprach von der Kölner Anti-Rechts-Koalition. "Die Rechten haben ein neues Feindbild. Früher waren es die Juden, heute ist es der Islam." Und so sangen die "Höhner", nun wieder gemeinsam mit dem hier sowieso überraschend textsicheren Publikum das der orientalisch-europäischen Weltmusikliedertradition wunderschön nachempfundene Anti-Nazi-Lied "Wann jeiht der Himmel widder op". Das ist so ein irres Gefühl, bei einem Konzert, in welches ich mit einer Party-Trallala-Band-Erwartungshaltung gegangen bin, so eine himmlisch konkrete Haltung zu erleben. Und nicht nur aus diesem Grund, sondern überhaupt... Für mich ging da der Himmel auf jeden Fall für einen Moment wieder auf. Und nicht nur für mich. Da tanzte einer im Publikum, der sah aus wie ein Rabbiner.
Es folgte eine wahrhafte Mitgröl- und daher natürlich auch Vorgröl-Weise. "Der Kölsche Pass". Nicht nur eine Verneigung vor der Adam-und-Eva-Schmitz-Stadt, aber auch das. Und bei dieser einen Verneigung konnte und sollte es auch nicht bleiben.
"NaJuCo Colonia", das im Interview angesprochene Werk nach Verdis "Nabucco"-Freiheitschor. Der Text besteht aus verschiedenen Titeln und Zitaten von "Höhner"-Klassikern. Angepasst an diese Melodie. Ein etwas anderes Medley. Und wie sie das spielen und alle singen können, das ist wirklich gigantisch!
"Pizza wundaba", ein karnevalskompatibler Song, wie Henning Krautmacher sagen würde. Und ich sah sie nun schon mitten im Konzert mit ganz anderen Augen, diese Band. Als alle möglichen musikalischen und textlichen Register ziehende, politisch nicht immer korrekte und gerade und nicht nur deshalb menschlich aufrichtige Rockband.
In der Pause, die jetzt kam, merkte man erst, wie viele Menschen da waren. Unglaublich. Mitten in der Woche. Bei einer Band, die vorzugsweise "ausländisch" singt. Dabei sah das "Tempodrom" innen nicht gerade überfüllt aus. Einige der Gäste waren auch, gelinde gesagt, zugesprochen fröhlich. "Viva Colonia" kann man da nur rufen. Und mit diesem Rufe sang dann auch irgendwann das Publikum, als man gemeinschaftlich der Meinung war, jetzt wurde genug pausiert, ihre Band herbei. Die Bühne war, wie ich beobachten konnte, schon längst eingenebelt. Und daher bin ich mir ziemlich sicher, dass die Musiker genau auf diesen Chor gewartet haben. Auch weil sich plötzlich, wie auf Kommando, alle Türen schlossen und ein elektronisches Schlagwerk einsetzte. Und dann kamen die Helden dieses Abends.
"Irgendwann (ist jeder einmal dran)". So im Marsch-Rhythmus der Funkengarde. Auch ohne ein Mariechen auf der Bühne. "Morgen will ich auf der Sonnenseite sein". Eine seltsame Party-Musik-Mischung aus Irish Folk und Schlager. Die "Höhner" als musikalisches Experimentierfeld. Das haben sie öfter wiederholt. Auch nach unserem Interview. Das scheint ihnen wichtig zu sein. Dieses Selbstbild. Das ja auch in der Tat berechtigt ist. "Üvverall op der Welt jitt et Kölsche", das Pendant zu "Sing mei Sachse sing". Jens spielte Mandoline und Saxophon bei diesem Titel. Der zwangsweise als Schüler Klarinette spielen müssende lernte das Saxophonspielen bei Andreas Bicking. Nebenher erzählte mir eine Kölnerin, schon ein klein wenig angeheitert, vor allem im Sinne von "heiter", dass ich das Ganze mal zur Karnevalszeit in Köln erleben sollte. Die Verlockung ist in der Tat wesentlich größer als noch ein paar Stunden zuvor.
Es stampfbeatete "Das schönste Mädchen im Westerwald" mit ihren 72 Jahren durch das "Tempodrom". Und schwappdischuwappte das Publikum dazu. Und zu diesem Blödsinn eine Blues-Harp, das ist nicht mehr nur feinsinnige Ironie, das ist reiner musikalischer Klamauk, aber eben auch exzellent gespielter musikalischer Klamauk. Die Jungs verstehen ihr Handwerk so irre gut, dass es eine wahrhafte Freude sein muss, ihnen zuzuhören und zuzusehen, völlig egal, ob man auf diese Art Musik nun steht oder nicht. Die "Höhner" haben einen undefinierbaren Suchtfaktor. Ich glaube nicht, dass ich mir eine CD von ihnen kaufen würde, aber so ein Konzert dieser sechs erwachsen aussehenden hochmusikalischen Kinder würde ich mir auf jeden Fall wieder antun. Patti hat sich auf jeden Fall - ganz plötzlich - eine DVD von ihnen gewünscht. Von mir. Weshalb ich jetzt schon eifrig nach Skimasken Ausschau halte, damit mich die Verkäuferin vom Plattengeschäft nicht erkennt. Aber wie ich mich kenne, werde ich mir diese Maske im letzten Augenblick herunter reißen und unter Tränen der Verzweiflung gestehen: "Ja, auch ich werde mir diese DVD sehr gerne ansehen." Und ja, ich werde mich natürlich darum kümmern, dass diese DVD irgendwann von Henning, Hannes, Peter, Janus, John und Jens signiert wird. Ich hab ja Connection. Mit einem der Musiker habe ich in frühester Jugend zusammen gearbeitet und er hatte meinen allerallerersten Text vertont. Wer errät, wer das ist, der darf auch beim nächsten "Höhner-Konzert", zu dem Patti und ich gehen werden, mitkommen.
Während meine Gedanken so merkwürdig klamaukig herumkobolzten, ist der Schlagzeuger Janus einfach von der Bühne abgegangen und Jens musste seinen Platz einnehmen. Dafür kehrte der Janus nun als Sänger wieder. Dies war nun der Teil im Programm, in dem die "Höhner" eigene Songs und Rock-Klassiker vermischten, "um mal zu zeigen, wer alles von uns geklaut hat". "We Will Rock You" war bei den Rock-Klassikern dabei und endlich mal ein richtig großes Solo für John Parsons. Die Band sei unheimlich kreativ, erzählte mir der Jens. Spätestens hier bemerkte man es mehr als deutlich. "Hotel California". Und es war eine Feier, dieser Band, ihrer Musik und ihrer 35jährigen Geschichte. Und die Jungs sind so auffallend bodenständig geblieben, fiel mir ein, als John und Jens sich ein Gitarrenduell im kalifornischen Stil lieferten. "Common without common within". Und nun sang auch der John, der Gitarrist. "Hey Jude".
Und hoch die Hände. "Alles, was ich will", eine klassische Rock-Nummer. Mit einem sehr witzigen Text, irgendwie "Höhner"-typisch, einer auf der Bühne sehr agilen Band. Von weitem sah der Sänger irgendwie aus wie Frank Zander und irgendwie hätte dieser Song auch von Frank Zander gesungen sein können. Naja, die "Höhner" haben ja auch die Hymne des 1. FC Köln geschrieben, Zander hatte dafür und für eine andere Fußballmannschaft einen Titel von Rod Stewart adaptiert.
Das nächste Lied, irgendetwas mit einem Mariellchen oder so, kam daher wie ein Volkslied. Und das Publikum sang ohne das Zutun der Band, ja ganz ohne Band, den Refrain mit, den ich nicht einmal verstand. Wie geht das nur? "Ich bin ein Räuber" sangen sie. Glaube ich. Ich weiß es nicht wirklich.
"Echte Fründe", das konnte ich wieder verstehen. Freunde waren sie ja schon seit Beginn des Konzertes, die Band und ihr Publikum. Da mussten sie nicht erst einen ausgeben, um diesen Zustand herzustellen. Aber wie gern hätte wohl das Publikum der Band einen ausgegeben?
"Mir geht es gut", angefangen mit einem erstaunlichen Satzgesang und einem Line-Dance-Duett von Peter und Jens mit Mandoline und Akkordeon. Und dieser halb gejodelte Refrain war ein Einheizer. Und tatsächlich wurde ich erneut daran erinnert, dass Hannes im Interview die "Höhner" als Folk-Rock-Band bezeichnete. Dann spielte John auf seiner Gitarre hübsch ein klein wenig zauberflötige Mozart-Musik und taktete so einen deftigen Party-Walzer ein, den alle im Publikum kannten, so schien es, außer Patti und ich natürlich: "Ohne Dich". Der Mozart war ja sowieso ein Rocker. Und die Gitarren pfefferten mit der Mandoline die aufgestylte Opera, die ja für alle da ist, in die euphorisierte und dennoch sehr disziplinierte Fanschar.
Pastoral begann die Hymne der "Höhner" schlechthin: "Viva Colonia", ein Hoch auf die mehr als multikulturelle Stadt am Rhein, auf das Leben, auf die Lust. Es war eine Stimmung wie bei einem Fußballspiel, wenn die Lieblingsmannschaft zwei Minuten vor Abpfiff 11:0 führt. Klar, man hört natürlich genauso auf, wenn man will, dass das Publikum nicht mit Singen aufhört, auch dann nicht, wenn die Band die Bühne verlassen hat. Und genauso war es dann auch. Text- und melodiesicher, die Kölner Berliner. Ganze zwei Minuten lang, bis die Band endlich zur Zugabe wiederkehrte.
Wie in einer klassischen Arie schmetterten sie "Dicke Mädchen haben schöne Namen" und wechselten so in den 50er-Jahre-Stil hinüber. "Hey Kölle, du bes e Jeföhl". Langsam glaub ich´s auch.
Die sind in der Tat ziemlich verrückt, die "Höhner". Im positiven Sinne. Anders als man sie beurteilt außerhalb ihres Fankreises. Nun gilt es, diese tolle Band weiter zu empfehlen. Diese Jungs mögen sich und das, was sie gemeinsam tun, ihre Musik und ihr Publikum. Was will man mehr? Noch eine Zugabe. Und die kam dann natürlich auch. "Wir werden uns wieder sehn". Klar, auch so ein Mit-Sing-Lied. Und dann gingen sie ab. Angekündigt wie auch ihre darauf folgende Anwesenheit am Merchandising-Stand, um Autogramme zu geben. Unter esoterischen Klängen aus der Konserve frenetisch gefeiert.

Weitere Infos unter: www.hoehner.com





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