Ein Mal 60er und zurück - eine Zeitreise mit "Gotte" Gottschalk
Bericht: Hartmut Helms Fotos: Marion Dudel Hartmut Helms Er gehört schlicht zu meiner Generation, die sich in den 60ern von der Musik der Beatles, der Rolling Stones, der Kinks oder Small Faces anstecken und auf neue Lebenspfade führen ließen. Das war die Zeit der SPOTLIGHTS und die der ersten gemeinsamen Erfahrungen mit den Freunden Jürgen Kerth und Roland Michi. Es waren seine NAUTIKS-Jahre. Er ist von Beat- und Rockmusik nicht mehr losgekommen, hat, wie viele andere auch, die Saiten der Gitarre zu seinem Lebenselixier gemacht und ist mit dieser, meiner, unserer Musik in die Jahre gekommen. Er hat die Höhen des Erfolgs erlebt, die Rangeleien und Misserfolge auch, ist frustriert gegangen, hat in der Fremde vom musikalischen Handwerk gelebt und ist mit Hoffnungen wieder zurück gekommen. Einer bösen Krankheit hat er trotzig die Stirn geboten und deshalb ist er nun schon wieder "13 Jahre alt" und zum Glück noch immer da - HEINZ-JÜRGEN "Gotte" GOTTSCHALK. Der Kunsthof in Gohlis erlebte gestern den ersten schönen beinahe Sommer-Sonntag und eine Reise voller Erinnerungen, die, zumindest für mich, eine in die wohl aufregendsten Jahre meines Lebens war. Aber das weiß man immer erst im Nachhinein, wie GOTTE gestern sehr treffend bemerkte. Unsere Naivität wuchs in dem Maße, wie unsere Haare immer länger wurden und erst nach und nach holte uns das Leben wieder einzeln ein, während der Beat zu einer Rock-Industrie mutierte. Nun, mit der reifen Jugend von sechs gelebten Jahrzehnten, so scheint es mit heute, ist man in der Lage, dies alles lächelnd, genießend und mit Respekt zu reflektieren und gemeinsam noch einmal auf die Reise zu gehen. "Hab' mir von der Tagesreise manches mitgebracht" stand schon deshalb symbolhaft am Beginn des Abends, denn in mir klingt es auch weiter "und vielleicht ein bisschen Stärke für den nächsten Tag". MICHAEL HEUBACH schrieb das Opus einst für die BÜRKHOLZ FORMATION und die HORST KRÜGER BAND machte daraus, auch mit der Stimme von GOTTE, die Hymne, die wir noch heute mitsingen. Mitgesungen habe ich natürlich auch bei "Yesterday", denn den Text kenn' ich einfach, so wie den von "Hänschen klein". Diese Deja Vu-Erlebnisse sollten sich wie ein roter Faden durch den ganzen Abend ziehen. Selbst die Rückseite von "She Loves You" ("Jeh, Jeh, Jeh" so Walter Ulbricht), nämlich "I'll Get You" von 1963, erklang im Kunsthof Gohlis.
Von George Harrison erzählt er, von dessen Freund Eric Clapton und spielt "While My Guitar Gently Weeps". Er plaudert über die drei legendären Damen aus dem Stones-Umfeld - Anita, Jane und Marianne - wieder versinke ich in den Erinnerungen und leis' in mir singt einer mit, den ich Zeit meines und seines Lebens dieses "Lady Jane" hab' singen hören und mit über 60 werden dann die Augen doch wieder feucht - Scheiße, Cäsar du fehlst! Auf einer der ersten DT64-Singles von Amiga sind die Nautiks verewigt. Ich hab' es genossen, mich zurück zu lehnen, mir den Ostseestrand auf Usedom vorzustellen noch einmal "Wir gehen am Meer" zu hören und danach ihn einem "Traum vom Baum" singend zu erleben, der "von ganz besonderem Holz" war. Seine Solo-Scheibe bei Amiga zeigte damals Gotte pur, einen, dem tausend Fragen durch den Kopf gingen und die tausend Antworten darauf suchte. "Wenn ich auf dem Rücken lieg", dann geht mir das heute auch noch so und deshalb erzählt dieses Lied nicht nur von Gotte, so wie sein "Lied für einen Freund" auch. Je mehr der Abend von der Nacht verdrängt wird, desto intensiver werden die Assoziationen. Die Geschichte vom "Norwegian Wood" erinnert mich auch an eine meiner Jugendlieben. Wie viele andere in der DDR hab' ich damals auch die Live-Aufzeichnung von "All You Need Is Love" im Westfernsehen miterlebt, und als er dann noch das Jahrhundertriff von "You Really Got Me" in die Saiten knallt, ist eh alles zu spät. Ich hätte wahrscheinlich einfach mit einer der anwesenden Ladies vor diesem Podium abrocken sollen, aber nee, die Knochen - tolle Ausrede! Aber das "(Let's All Drink To The) Death of A Clown" hab' ich wieder mit gegrölt und dem quiekenden Damenchor hinter mir gelauscht: "Na na na na...". Was man/frau so alles macht, wenn einen die Erinnerungen auf Wolke "Sieben plus" katapultieren...!?
"Gotte" Gottschalk lässt diese Zeitreise ausklingen, wie sie begann. Er singt uns "Wonderful Tonight" von Clapton, es erklingt Lennon's "Imagine" und ich staune, wie aktuell und bewegend diese Zeilen von einer "Bruderschaft der Menschen" im Heute noch immer wirken, als wären sie erst gestern geschrieben. Der Vollprofi spielt das alles, ohne die inzwischen gerissene h-Saite auszuwechseln, denn Lagerfeuerstimmung baut nicht auf Perfektion, sondern auf das Gefühl der Gemeinsamkeit und "bei Gott(e)", das hast Du gestern bestens hin bekommen! Danke auch für die gerissene Saite. Wir haben noch gequasselt über die "Aftermath" und "I Am Waiting", über alte Fotos, die Haare und über die Jugend. Kein Leben im Heute ohne die Erinnerungen von damals und auch kein Gestalten von Zukunft, die besser werden muss, wenn wir überhaupt eine haben wollen. Deshalb sind solche Abende nicht einfach nur schön oder entspannend. Ich brauche sie für den nächsten Tag, die nächste Woche und den nächsten Blödsinn, der mir dann wieder über den Weg latschen wird. Als ich dann nachts wieder auf der Autobahn war, die gerissene Saite im Beutel und die kleinen Risse im Herz, hab' ich mir meine Stones-Kassette reingewürfelt und so wie GOTTE eine reichliche Stunde vorher, laut mitgesungen: "You Gotta Move" - wir haben noch viel zu bewegen!
Fotoimpressionen:
Hartmuts Fotos: ![]()
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Mary's Fotos: ![]()
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