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Bericht: Holger Stürenburg Fotos: Pressematerial
"Er war doch gerade erst in Hamburg", meinte mein Begleiter und Photograph Jan Lindenau, mit dem ich am letzten Dienstag, dem 19. April 2011, das phantastische Konzert des britischen New-Wave-Zynikers JOHN WATTS und seiner aktuellen Bandformation, bestehend aus den Könnern Sam Walker (dr), Matthew Gest (key, pi) und dem liebenswert chaotischen Frank-Zappa-Look-a-Like Matthew Waer am Bass, in der Hamburger "FABRIK" besuchte. Tatsächlich gastierte der 56-jährige, einstige Psychologiestudent - seine hübsche Tochter Millie (22) ist übrigens in die Fußstapfen des berühmten Herrn Papa getreten und studiert in London eine Mischung aus Psychologie und Soziologie - zuletzt am 27. Oktober 2010 im "KNUST", das im Schanzenviertel, unweit des Heiligengeistfeldes, gelegen ist. Damals stellte er uns seine neuen Mitmusiker vor, die seitdem jüngere, wie ältere Titel aus seiner Feder enorm druckvoll, kess und jugendlich aufbereiten. Zugleich stand Johns damalige CD/DVD "Morethanmusic & Films" im Vordergrund des Tourneeprogramms; ein spannendes, ungewöhnliches Unterfangen (wie das meiste, was der Großmeister der Ideenfindung, im Zuge seiner 32jährigen Karriere so alles künstlerisch angegangen ist), welches eingängige Pop/Rocksongs beinhaltet, verbunden mit surrealen, teils avantgardistischen, stets gelungenen und ansprechenden Kurzfilmen (Bericht zum Konzert am 27.10.2010: HIER).
Als perfekter Pop/Rocker in typisch britischer Ausformung ist die liebliche Komposition "Obvious" zu betrachten, die sich als erster Titel des über zweieinhalbstündigen Stelldicheins des auch als Dichter und Buchautor tätigen Multitalents von einem faszinierenden Pop- zu einem lauten Rock-Song hocharbeitet, um gegen Ende mittels versöhnlicher Pianospielereien wiederum in sanfteren Gefilden zu landen. Dazu muß allerdings gesagt sein, daß "Obvious" in der "FABRIK" weitaus fetter, phonstärker dargeboten wurde, als auf der Silberscheibe. Genauso drall, hymnisch, peppig, ging's weiter: Irgendwie erinnert mich der zum Mitsingen nur so einladende Titel "Hold on" mit seiner eingängigen Refrainzeile "We will remember them", der sich kritisch mit den Kriegsgelüsten von George W. Bush und Tony Blair - beide sind ja inzwischen Gott sei Dank Vergangenheit, doch der Krieg geht weiter... - auseinandersetzt, ob seiner großorchestralen, latent überkandidelten Inszenierung nicht nur entfernt an John's ‚Bruder im Geiste' Pete Wylie und dessen 80er-Jahre-Experimentierfeld "The Mighty Wah!" erinnert. Als klassischen "Roadsong" dürften Fachleute vermutlich die schnelle, witzige, wortreiche Beschreibung einer durch einen Verkehrsstau verzögerten Autofahrt, "Perfect Timing", proklamieren. Britischer Edelpop at it's Best! Eine - und dies ist nun keinesfalls negativ gemeint - süße, fragile Ballade an seine geliebten Eltern namens "The Greatest Gift" (dem Sinne nach: Das größte Geschenk, das Mutter und Vater ihrem Nachwuchs darreichen können, ist Liebe) zeigt einen anderen John Watts, als gewohnt. Statt psychologischer Milieustudien, historischen und/oder politischen Inhalten, strahlt der Musiksatiriker ausgeprägtes Gefühl und eben übersprühende Liebe aus.
Bald darauf verließen John & Combo die Bühne. Der Hauptakteur rief "Thank you, good Night". Mancher in Sachen des skurrilen Humors des gebürtig aus dem Londoner Stadtbezirk Harrow stammenden Familienvaters - seine Frau und zumindest eine seiner bildschönen Töchter Lela bzw. Millie (diesmal war es Lela) begleiten den Herrn des Hauses meist auf seinen Konzertreisen - nicht ganz soooo bewanderter Zuschauer im Ottensener Kultclub meinte nun vielleicht, nach nur gerade mal rund einer halben Stunde sei der Auftritt, für den man immerhin einen nicht geringen Preis berappen musste, zu Ende. Aber nein: John kam, solo mit seiner E-Gitarre zurück und sang die unerwartete Ultrararität "A Face to remember", aus der momentan nicht auf CD erhältlichen 1982er-Solo-LP "The Iceberg Model" - im Original ein "Ultravox"-naher, klirrend kalter Computer-Popper, 2011 eine freundliche, warme Pop/Folk-Melange, bevor - man mag es kaum glauben - uns unverwüstliche 80er-Jahre-Kinder eine fundamentale "Fischer-Z"-Show in die Zeiten unserer Adoleszenz entführte. "Deaf Word Paradise" lautet daher auch das Motto der derzeitigen Tour, in Anspielung auf die ersten drei, heute längst Legendenstatus besitzende LPs der Band (deren Mitglieder regelmäßig, oft im Streit, seitens des unangefochtenen Frontmannes ausgewechselt wurden), die da hießen "WORD Salad" (1979), "Going DEAF for a Living" (1980) und "Red Skies over PARADISE" - Meilensteine jener Ära, in der Historie der Genese der New Wave auf einer Augenhöhe mit z.B. "The Police", "The Stranglers", Elvis Costello, Ian Dury, "The Boomtown Rats" oder "Madness" - um nur einige Still-Koryphäen aufzuzählen - einzuordnen sind. In ihrer Heimat waren "Fischer-Z" niemals so erfolgreich und begehrt, wie etwa in den Benelux-Ländern und eben in diesem unserem Lande, selbst, wenn ihnen mit "dem M*-Word" (Zitat: John, 2004 - später mehr dazu), nur ein einziger Chartshit gelang; im Frühherbst 1981, Rang 37, der "Media Control"-Listen, obschon ihre damalige deutsche Plattenfirma EMI alles tat, um ihre hochtalentierten Nachwuchs-Waver unter's Volk zu bringen, z.B. durch eine limitierte Edition zur Tour, die John und die Seinen bereits im März desselben Jahres durch teutonische Gefilde führte, vier Titel der drei erwähnten LPs enthielt, auf 33 (und nicht, wie andere Maxis auf 45) abgespielt werden musste - und 30 Years after als begehrtes Sammlerstück gilt. Jeder der diese EP besitzt, kann sich glücklich schätzen (*** der Autor schelmisch schaut *** ;)). Dennoch bauten sich "Fischer-Z" im Laufe der Jahre kontinuierlich eine treue Fangemeinde in Deutschland auf, zu der - Jan und ich trauten unseren Augen kaum - tatsächlich sehr viele junge Menschen, um die 20/25, zählen müssen - denn für ein Konzert einer 80er-Band befand sich eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Teenagern und Twens in der "FABRIK".
Vorweg: Die Meisterwerke aus der Ära der Dekadenwende 70er/80er wurden nicht, wie es bei vielen anderen Bands jener Tage leider (!) oft der Fall ist, mit Bum-Bum unterlegt, um noch einmal zumindest in die Nähe von Radio, Mainstream-Medien oder gar "BRAVO" und ähnlichem Schwachsinn zu geraten. Es fand keine Modernisierung um des Kommerzes Willen statt, sondern eine Verjüngung, damit auch die nachgeborenen Menschen, die kein Interesse an den Lenas und "Tokio Hotels" dieser Welt haben, Freude für derartige klingende Zeitgeschichte a la "Fischer-Z" empfinden können. An der Rhythmisierung hatte John keinerlei Änderungen vorgenommen; erweitert bzw. weiterentwickelt wurden dagegen die Sequenzen von Keyboard und Gitarre. Die Auffrischungen der betagten Klassiker sind also weitaus mehr ROCK, als WAVE - ein interessantes Wagnis, das vom Publikum, am vergangenen Dienstag, zwischen 21.41 Uhr und 22.55 Uhr, fraglos sehr goutiert wurde. "Pretty Paracetamol" (aus "Word Salad", damals, wie heute, der Einstieg in die verschrobene Welt von "Fischer-Z", ergo Track 1 auf ebenjener LP!), die Hassliebe zur gleichnamigen Kopfschmerztablette, eröffnete einen Reigen bekannterer und rarer Perlen aus der "Fischer-Z"-Phase von 1979 bis 1981. Der Komponist aller seiner Kleinode setzte mehr als zuvor auf krachende Gitarren, oft wahrhaft konstruktiv lärmende Gitarrenwälle, ohne allen diesen den Charme der bereits damals einmaligen Urfassungen zu rauben. Lyrisch bewusst schlicht, aber eben immens ergreifend gedichtet war der Reggae-Verschnitt "The Worker" (1979, s.o.) - Anno Domini 2011 verpasste John dieser fetzigen, trefflichen Beschreibung des trostlosen Lebens eines Werktätigen, Dank Akkordeons aus dem Synthesizer und feisteren Gitarren, eine fulminantere, in sich geschlossener Verkleidung, als es beim Original der Fall war. Gleiches geschah bei "Wax Dolls" (1979), während "Lies" (dto.) weitaus bedrohlicher, chaotischer, radikaler wirkte, als auf "Word Salad" - mit der Neuinterpretation von Titel-01 der B-Seite ebengenannter Debüt-LP von "Fischer-Z" wurde vielleicht die bislang unerforschte Stilrichtung "Heavy-Wave" ins Leben gerufen. Der "Room Service" kam seinerzeit häufiger im Radio vor, basiert auf Reggae-Rhythmen, wird von den Fans abgöttisch geliebt, ist, aufgrund der tieferen Stimmlage des John W., ein eher bandtypisches Stück, zählt aber fraglos zu den kompositorischen wie textlichen Höhepunkten von "Going Deaf for a Living" (1980) - auch hier geht 2011 eine Radikalisierung betreffs Umsetzung/Arrangement vonstatten, die dem 80er-Klassiker zweifelsohne gut bekommt!
Dass es Mr. Watts seinen Freunden nicht immer leicht macht, ist bekannt. Die nervöse Klangorgie "The Crank" (1980) kam bislang nur selten in Live-Repertoires ihres Erschaffers vor. Eigentlich KEIN Titel zum fröhlichen Mitsingen; trotzdem forderte John die anwesenden Gäste auf, fast jeden Takt gesanglich zu repetieren. Ein unkonventioneller Vorgang, der fraglos reputierlich verlief, selbst, wenn mancher Fan währenddessen recht verdattert in die Welt blickte... Den provokativ abgehakten, 2011 immens aufgedrehten und laut ertönenden New-Wave-Reißer "Berlin" hatte John 1981 für die damals geteilte Stadt geschrieben und widmet ihn heute dem zusammenwachsenden Deutschland, wobei auch Reminiszenzen an die schwülstige Dekadenz des Berlins der 20er Jahre durchaus spür- und vernehmbar sind. Alleine schon deshalb, da das längere Intro aus Bar-Jazz, nächtlichem, düsteren Ambiente bestand und somit der grellen (Un)gemütlichkeit der Weimarer Republik alle Ehre erwies. Ein paar Takte von "Wouldn't it be nice" ("The Beach Boys", 1964) führten den brodelnden Inhalt von "Berlin" treffsicher ad Absurdum.
John sprang auf der Bühne herum; Hans "Dalli, Dalli" Rosenthal wäre neidisch auf ihn gewesen; man merkte, daß er das "M*-Word" im neuen Gewande endlich wieder gerne und mit viel Liebe spielte, ohne "Greatest-Hits-Zwang". Der Titelsong der 1981er-LP "Red Skies over Paradise", der über eine plötzlich hereinbrechende Atomkatastrophe erzählt - Kinder spielen auf dem Spielplatz, das Lied-Ich bekommt auf einmal einen Anruf, dass der Super-GAU über London ausgebrochen ist, von einer Sekunde auf die andere eine todbringende "rote Wolke" über der Hauptstadt Großbritanniens auftauchte - doch die verantwortlichen Politiker und Funktionäre sitzen längst in sicheren Bunkern unter dem Meeresspiegel und kümmern sich keineswegs um das Schicksal des Normalbürgers. "Red Skies..." ist 30 Jahre alt, und - siehe: Fukushima - aktueller denn je... Aus derselben LP stammt der straighte Punkrocker "In England" - mein spezieller Favorit aus diesem Album -, den John bislang erst zweimal (!) ‚live' aufgeführt hat. Die musikalische Kriegserklärung an seine Heimat, zu der er ein ambivalentes Verhältnis pflegt.
Jubel - Trubel - Heiterkeit - ergo: Zeit für ein paar nette Zugaben, die es in sich hatten! Mit einem Schlagzeugsolo von Sam Walker wurde Johns erste Solo-Single, nach der Auflösung der ersten "Fischer-Z"-Formation, "One Voice" (1982), eingeleitet. (Nächstes Mal spielst Du bitte mal die B-Seite, "Holidays in France"... daran hängen soooo viele persönliche Erinnerungen meiner Person!!!) John griff nun tief in seine Schatzkiste, zauberte z.B. "I'm a Reptile" (1997) hervor; wie ein weiteres "Lied des Lebens" des Verfassers dieser Zeilen: "Will you be there", aus dem phantastischen 1992er-Opus "Destination Paradise". Daß dieses Lied der unzerbrechlichen Liebe zwischen Nelson Mandela und seiner Winnie gewidmet ist, erfuhr ich erst 1997 durch die penibel ausgearbeitete "Fischer-Z"-Biographie des Münchener Autors und Soziologen Armin Pongs, "Von A bis Fischer-Z" (DILEMMA Verlag/ISBN 3-9805822-1-3). Selbst habe ich bislang zwei deutsche und eine kölsche Fassung zu dieser wunderbaren, rifflastigen Rock/Pop-Melodie verfasst... die zweite deutsche Version fiel mir letzten Dienstag in der "FABRIK" ein ("Die Tür ist auf / Und nun geh'n wir einfach durch / Wirst Du hier sein? Hier bei mir?" - ich glaube, besagte Tür befindet sich in der Bundesstraße 44...) Nach einem RAGTIME (!) aus dem "Dschungelbuch", der bislang noch niemals ‚live' aufgeführt wurde, gaben sich John und seine Begleiter, dem vermutlich "schnellsten Song der westlichen Hemisphäre" (Zitat: J.W.) hin: "Limbo" (1980, aus "Going Deaf for a Living") war ebenfalls lange nimmer auf einem "Fischer-Z"-Konzert zu hören; die "FABRIK" bebte förmlich - alle waren zufrieden, als der letzte Takt dieses genialischen Punkrockers verklungen war! Wir führten, im Anschluss an das absolut überzeugende Konzert, noch freundliche Gespräche mit John, seiner Gattin, der hübschen Tochter und seinen Musikern, bis ich übermüdet, aber glücklich, ein Taxi bestieg und nach Hause fuhr, um diesen Bericht zu schreiben!!! Es war ein super Konzert und ich bin sehr gespannt, was John für seine nächste Tournee so alles an Ungewöhnlichem, Unerwarteten einfällt! |