|
Marianne Faithfull live am 25. Juli 2009 in der Zitadelle Spandau Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Nach all den Irrungen, Höhen und Tiefen des Business, die diese Frau durchlebt, durchlitten und überlebt hat, hab' ich mich besonders über das Comeback 1979 und ihr Album "Broken English" gefreut. Eine gereifte, rauchige, zuweilen auch kantige Stimme singt sich ihre Schmerzen und bitteren Erfahrungen von der Seele und weil ganz offensichtlich eine LP dafür nicht gereicht hat, schiebt sie 1981 auch noch "Dangerous Acquaintances" hinterher. Die Musik beider Platten ist von so überragender Qualität, die Songs so persönlich und ehrlich, daß man noch heute davor getrost eine Verbeugung machen kann. Die Spitze von irgendwelchen Chartnotierungen hat die Faithfull nicht im Visier, wohl aber die Herzen und Sinne ihrer Hörer.
Die Spandauer Zitadelle ist idyllisch mitten in einem See der Hafel am westlichen Berliner Stadtrand gelegen. Über eine Holzbrücke gelangt man in den Innenhof. In der dritten Reihe direkt vor der Bühne fanden wir mit viel Glück noch ein freies Plätzchen. Wir pusteten die Wolken weg und ließen die Musik von den "Les Hommes Sauvages" (Die Wilden Menschen), eine Chuck Berry-Gitarre im Mix mit deutschen, französischen und englischen Songs, über uns streichen. In kleinen Klubs mag diese Musik faszinieren, auf der großen Bühne wirkte sie ein wenig verloren, paßte aber gut zu dem, was von den locker 3000 Besuchern mit großer Spannung erwartet wurde. Da stand sie also mit ihrer Band, die Ikone der 60er, ein weiblicher Mythos, ganz in Schwarz und blonden Haaren, MARIANNE FAITHFULL. Vom ersten Augenblick an hatte ich das Gefühl, die bräuchte nur dort oben zu stehen und zu lächeln und man hätte genug, um Geschichten zu erzählen. Dieses Charisma ist unbeschreiblich! Sie steht allein vor dem Mikro, nahezu unbeweglich mit fast zögerlichen Gesten, die mich für einen Bruchteil einer Sekunde eher an eine von Tausenden denken läßt, denen Du auch in einer Kaufhalle begegnen könntest, statt sie auf einer Weltbühne zu vermuten. Sie wirkt schüchtern, den Blick über die Massen gerichtet und dann plötzlich singt sie und du vernimmst die knartzige Stimme eines weiblichen Gottes. Zu Beginn sind es die Songs aus dem aktuellen Album "Easy Come Easy Go", alles Cover-Versionen, die irgendwie für die FAITHFULL stehen können. Vor allem die Interpretation von Dolly Pardon's "Down From Dover", die sie an den Anfang stellt, ist wohl auch mehr als symbolhaft für die vom Leben geprügelte Stehauffrau. Sie haucht dem Song ein anderes, neues Leben ein und macht das gleiche auch mit "The Crane Wife 3" und Duke Ellington's "Solitude". Sie leiht sich den Jazz und zelebriert damit Rock'n'Roll in seiner intimsten Spielart und das alles auf einer nahezu leeren Bühne und mit einer Licht-Show, die eigentlich gar keine ist.
Sie will kein Weltstar sein, ist aber einer. Ihre Musik ist inzwischen ein Crossover populärer Musikstile vom Jazz, über Swing und Pop bis zum blanken Rock'n'Roll. Sie scheut nicht die Chansonette, nicht die Diva, nicht das Weib und präsentiert ihr musikalisches Leben in einer Zurückhaltung, als wolle sie sich dafür entschuldigen. So wirkt sie einfach nur sympathisch.
Während ich über die nächtliche Autobahn nach Hause jage, sind meine Gedanken bei unseren Kindern, Claudia und Michael, die uns diese unvergeßlichen Augenblicke geschenkt haben. Ich bin dankbar, ab und an noch einmal meiner Jugend für den Moment einiger Songs über den Weg laufen zu können, den Blick von Idolen zu erhaschen, die das Denken einer ganzen Generation, also auch meines, geformt und gelenkt haben. Dies sind die Momente, nach denen Faust einst vergeblich suchte, von denen mir gestern einer geschenkt wurde. Also darf ich auch sagen, daß ich sehr glücklich bin, dank MARIANNE FAITHFULL: It is the evening of the day I sit and watch the children play Doing things I used to do They think are new I sit and watch this tears go by ("As Tears Go By", Jagger/Richards, 1964) Foto Impressionen:
![]() ![]() ![]() ![]()
![]() ![]() |