Festumzug, Mittelaltermarkt, LaMarotte & Händel Man schrieb das Jahr 1961 und es war der 24. Juni, wenn ich mich recht erinnere. Mal abgesehen von einem anderen Ereignis, das wenig später wider Willen in das Gedächtnis der deutschen Nation eingemauert wurde, feierte man im Juni in der kleinen Provinzstadt Elsterwerda mit viel Freude und Begeisterung das 750. Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung, die 750-Jahr-Feier. Damals war ich jung und Schüler, konnte mir schon ganz viele Dinge merken und das Denken entwickelte sich auch gerade. Kein Wunder also, dass ich mich noch heute an dieses schöne Ereignis, ich meine das Stadtjubiläum, erinnern kann. Inzwischen sind wieder einmal ein halbes hundert Jahre vergangen und in meiner Heimatstadt wird wieder einmal gefeiert - richtig - Elsterwerda wird in diesem Jahr 800 Jahre alt. Diesmal wird schon das ganze Jahr über "gefeiert". Jeder Monat im Jahr hat sein eigenes Motto, so dass viele thematische Höhepunkte das Stadtleben widerspiegeln konnten und können. Irgendwie haben die Stadtoberen viele dieser monatlichen kleinen Festivitäten an mir, wie an vielen anderen meiner Freunde und Bekannten auch, vorbei gefeiert. Das liegt sicher daran, dass Vereine, Parteien und andere lebensnotwenige (?) Gruppierungen nicht zu meinem Lebensumfeld gehören. Die Feierlichkeiten am Bahnhof mit der Taufe eines ICE-Zuges auf den Namen Elsterwerda hätte ich gern erlebt, doch da war ich mit anderen Dingen des Lebens beschäftigt. Nur ein einziges Mal bin ich zu einer Ausstellung gegangen, in der Kunst und Kultur in den vergangenen Jahrzehnten zu sehen sein sollten. Nach diesem Besuch hätte ich glauben sollen, dass in den Jahren von 1970 bis zur Wende in Elsterwerda kulturelles Niemandsland war. Nichts von all dem, was mich kulturell in diesen 20 Jahren prägte, bewegte und begeisterte, war zu sehen oder zu erfahren. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, denn ich selbst wusste und weiß am besten, was wir damals alle gemeinsam angestellt hatten und diese wunderschönen Erinnerungen an die Strandfeste, an die Weihnachtsmärkte, die Kinderprogramme, die Rockkonzerte bei "Hoppenz", die Lesungen oder Liederabende in der "STUBE" kann mir eh keiner mehr nehmen. Viel zu oft werde ich auch heute noch darauf angesprochen. Es muss also etwas passiert sein, was so viele nicht vergessen können und wollen. Inzwischen hab' ich einen Weg gefunden, einen Teil dessen auf anderen Weise der interessierten Nachwelt zu hinterlassen und auf das Ergebnis freue ich mich inzwischen auch. Also, was soll's?! Allerdings bin ich seit über 50 Jahren Bürger dieser Stadt und deshalb wollte ich mir das eigentliche Festwochenende am 27. und 28. August 2011 mit Festumzug, historischer Marktnacht, einschließlich mittelalterlicher Musik von LAMAROTTE, und ganz viel anderen Vergnüglichkeiten, nicht entgehen lassen. Noch einmal wollte ich, nun um 50 Jahre und etliche Kilo gereift, am Straßenrand stehen und die Bilder eines Festumzuges an mir vorüber ziehen lassen. Ich wollte erfahren, was den Gestaltern und Machern wichtig sein würde zu zeigen, woran erinnert werden sollte und wer sonst noch seiner Kreativität freien Lauf lassen würde. Letztlich sind es die Menschen, die hier leben und zu Hause sind, die auch dieses Leben gestalten - entweder in offiziellen Bereichen oder im kleinen und überschaubaren Freundeskreis. So war das schon immer und heutzutage wohl auch, denke ich mir. Außerdem war ich mir sicher, bei dieser Gelegenheit viele zu treffen, denen ich schon eine kleine Ewigkeit nicht mehr über den Weg gelaufen war.
Die Innenstadt war voller Menschen und Petrus hatte zunächst ein wenig Nachsicht. An den Straßen standen tausende und warteten. Irgendwo dazwischen, gegenüber einer Apotheke, fand auch ich mein Plätzchen. Über mir, auf einem Ausleger der Feuerwehr, war ein Kameramann postiert (siehe Foto rechts), und als der seinen Korb weit über die Straße fuhr, konnte der Beginn des Festumzuges nicht mehr weit sein. Allen voran der Spielmannszug Elsterwerda und dann stieg die Spannung, als vor einer Pferdekutsche ein Schild mit der Aufschrift "800 Jahre Elsterwerda" getragen wurde. In der Kutsche natürlich der Bürgermeister, Dieter Herrchen, mit dem ich dereinst zur Penne ging und der in unserer Schul-Combo bei "Il Silenzio" die Trompete erklingen ließ, mit seinen beiden Amtskollegen aus Naklo in Polen sowie aus Vreden. Der Festumzug, mit Bild No. 1 an der Spitze, war eröffnet und in den kommenden knapp zwei Stunden würden viele weitere folgen. Geschichtsbilder aus der langen Zeit der Völkerwanderung und der Ersterwähnung im Jahre 1211, gefolgt von Impressionen aus dem ländlichen Leben bis zur Zeit des Barock. Es folgten Bilder zur Schulstadt im alten Elsterwerda sowie viele liebevoll geschmückte Wagen und Fahrzeuge, die das bunte Leben der Gewerke darstellten. Es gab Gastbeiträge der umliegenden Gemeinden, der Kurstadt Bad Liebenwerda sowie die Erinnerung an die Pest von 1513 bis 1584. Die Zeit der Reformation war ebenso ein Thema, wie die beginnende Industrialisierung. Mit dem Zug lief auch Napoleon wieder durch Elsterwerda und Esterhazy-Husaren aus Ungarn sowie die aus dem Österreichische Burgenland, die übrigens extra zur Feier gekommen waren, ritten hoch zu Roß durch die Straßen. Ein imposantes Bild!
Die Zeit der DDR fuhr noch einmal mit zeitgemäßen Mobiliar, dem Trabbi "Kübel", dem originalen Barkas B100 und einem Schulbus, mit dem auch ich einst gern gefahren bin, vorüber. Auch "Schwester Agnes" mit ihrem unverwüstlichen blauen Moped "Schwalbe" durfte nicht fehlen. Die städtischen Kindergärten und die Sport- und Freizeitvereine der Neuzeit bildeten schließlich das Ende des Festumzuges, an dem offiziellen Quellen zufolge, rund 1600 Bürger und Helfer beteiligt waren. Trotz einiger Zeitverzögerungen sahen die Besucher einen abwechslungsreichen und ideenreich gestalteten Umzug durch die Stadt ziehen. Sie erlebten lachende Gesichter, fröhliche Menschen und insgesamt eine gigantische Leistung aller Beteiligten, Petrus inbegriffen. Danach waren die meisten Zuschauer und Beteiligten aufgeweicht und durchnässt. Also ab nach Hause unter die heiße Dusche und trockene Klamotten auf den Leib, um zu abendlicher Stunde noch einmal einen Start in die Innenstadt, zum Treiben und Spielen auf dem historischen Markt, zu wagen. Dort angekommen, wurden wir von einem kurzen aber heftigen Platzregen begrüßt. Wir haben uns mit Gulaschsuppe und einem Zeltdach über dem Kopf abgelenkt. Zu abendlicher Dämmerstunde über einen Mittelaltermarkt zu flanieren, kann sehr unterhaltsam und kurzweilig sein. Es gibt in der Menge viel interessantes zu entdecken, man wird ständig angesprochen und auf Schritt und Tritt laufen einem Menschen über den Weg, mit denen man schon ewig kein Wort mehr gewechselt hat, weil einem der Alltag die Möglichkeiten für Momente der Entschleunigung und Rückbesinnung nicht gönnen will. Da tut es gut, wenigstens bei so einer Festivität für ein paar Minuten miteinander zu reden oder gemeinsam ein Schluck Met zu genießen.
Die Band stand schon lange auf meinem Wunschzettel. Nun war sie in meine Heimatstadt gekommen. So stand ich also vor der Bühne, zwischen neugierigen Kindern und altertümlich gekleideten Gästen und hab' mich von den erdigen Rock-Rhythmen und schwebenden Klängen der vier Herren und der Dame mit der Viola verzaubern lassen. Gemeinsam mit vielen anderen lauschte ich den fremden Klängen, die teilweise in längst vergessenen Dialekten gesungen wurden. Wir bekamen alte Folk-Weise anderer Völker zu hören und so mancher staunte nicht schlecht, was die Herren mit der eigenartigen Kleidung und kuriosen Schuhen an den Füßen, für tolle Musik gekonnt für Beine, Kopf, Augen und Ohren machten und so mancher ließ sich treiben oder gab sich einfach dem Tanz hin. LaMarotte bietet das Klangerlebnis der besonderen Art abseits jeglicher medialen Hörgewohnheiten und wieder mal fiel mir auf, das genau diese allmächtigen Medien, die unsere Hör- und Kaufgewohnheiten am liebsten vollständig bestimmen möchten, eigentlich kein Schwein braucht, denn so etwas wie LaMarotte, und außerdem viele andere musikalische Perlen, bekommt man dort nicht zu hören. Kein Wunder also, dass so viele staunende Gesichter zu sehen waren.
Der nächste Morgen sah viel Sonne und der Wunsch, noch eine Zugabe zu erhaschen war groß. Für solche Eingebungen sah das Festprogramm noch zwei weitere Auftritte der Band aus dem Harz vor und so stand ich am frühen Nachmittag und bei strahlendem Sonnenschein noch einmal vor der Bühne. Andere müssen ähnlich gedacht haben, denn viele wollten auch die Musik mit dem so typischen Flair erleben. Beim fröhlichen Spiel der Flöten, und dem stampfenden Rhythmus von "Psycho" standen viele Hörer im Halbkreis vor der Bühne, während ein einsamer Tänzer mit kurzer Hose und Hemd davor tanzte. Obwohl der Reggae-ähnliche Groove von "Gigue" die Körper zum Tanzen förmlich zu verleiten suchte, behielten Staunen und Hören die Oberhand. Der Menschschlag in der Lausitz braucht eben ein wenig länger, aber dann... doch so lange wollten die Musiker auch wieder nicht musizieren. LaMarotte spielte viele unbekannte, alte Melodien und stellte auch Stücke ihrer aktuellen CD "Faule Fee" vor (Cover siehe links). Die moderne "Volk-Musik" der Quedlinburger ist alles andere als das Neuspielen alten Liedgutes, sondern viel eher das lebensfrohe Einsteigen und Einfühlen in längst vergangene Klangwelten und deren Übertragen in heutige Hörgewohnheiten. Sie lebt von der hellen Stimme der Sängerin, den rauen Gesängen der Männerkehlen und der kräftigen Musizierweise auf den alten Instrumenten. Schaut Euch einfach mal um, wo ähnliche Veranstaltungen angekündigt sind, sucht die alten Märkte auf und erfreut Euch an einem zauberhaft erfrischend gespielten Crossover der Klänge und Stile. Dort treffen wir uns vielleicht wieder. Nach zwei Tagen Narren- und Ritterspielen, Gaukelei und Sauferei sowie Tanz unter freiem Himmel merkt man so manchen der Akteure an, dass Spaß bereiten und gute Unterhaltung zu bieten, kein Nebenjob ist. Im Festprogramm für die beiden Tage steht geschrieben: "19.00 Uhr - das Ende wird verkündet, die Ritter und Gaukler sind müde und kaputt!" So war es wohl auch.
Dort, vor der romantischen Kulisse des alten Barockschlosses, in dem jetzt das Gymnasium zu Hause ist, warteten schon die Musiker des Orchesters der Landesbühnen Sachsen. Vor dem Haupteingang, flankiert von den beiden Seitenflügeln, steht eine große Bühne und von dort werden die Wasser- und die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel als Abschluss der Feierlichkeiten erklingen. Ein paar tausend Einwohner und Gäste sind es bestimmt, die auf der neuen Elsterbrücke und auf dem Platz vor dem Schloß stehen, der Musik lauschen, sich stimmungsvoll besinnen und ganz zum Ende sich von einer imposanten Lichtshow in die Nacht entführen lassen möchten.
Auf der heimischen Terrasse dann, Luftlinie knappe zwei Kilometer, war der Sound perfekt und der Genuss, sitzend und mit einem Gläschen in der Hand, vollständig. Die Idee, Händels Wasser- bzw. Feuerwerkmusik als krönenden Abschluss zu wählen, war mehr als eine göttliche Fügung. Zwar ging mir der optische Eindruck der Lichtshow auf der Terrasse verloren, doch ab und an sah man lange Laserarme über die Baumwipfel in den dunklen Himmel aufsteigen und das abschließende Feuerwerk rundete den insgesamt überwältigend Eindruck ab. Die Bewohner der Stadt haben ihr großes Fest gefeiert, wir haben die Sinne und unsere Herzen weit offen für all die Eindrücke und Erlebnisse gehabt und irgendwie auch ein wenig Stolz getankt, hier in der südbrandenburgischen Provinz, nahe an der Grenze zu Sachsen, auf halber Strecke zwischen Berlin und Dresden, zu Hause zu sein. Hier bin ich zwar nicht geboren, aber hier sieht man meine Spur und darauf bin ich, wie viele andere auch, unheimlich stolz. Wer die Spuren sehen will, muss nur Hinsehen wollen oder diese (zwischen den) Zeilen lesen und dort steht: "Ich bin ein Elsterwerdaer!" Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Fotoimpressionen:
Festumzug (Teil 1): ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Konzert: LaMarotte ![]() ![]()
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