Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Hartmut Helms





Colosseum live auf MMXI-Tour in Dresden
Mit dem Gebrauch des Begriffs LEGENDE geht mancher, so mein derzeitiges Gefühl, wohl ziemlich inflationär um, zumal im Rock'n'Roll-Gewerbe. Da werden schnell mal ein paar Einzelpersonen stellvertretend für eine Band, die eigentlich nur noch diesen oder jenen Namen trägt, zu einer Legende gemacht. Kein Wunder also, dass uns so viele "Legenden" angeboten werden. Beim etwas genaueren Hinsehen allerdings zeigt sich dann, dass oft nur eine Verkaufsförderungsmaßnahme oder ein Wunsch dahinter stecken. Wirkliche Legende sehen anders aus und geben sich auch nicht als solche. Deren Zier heißt oft Bescheidenheit und man erkennt die Legende erst, wenn sie direkt vor dir steht, als Mensch oder als Gesamtheit auf der Bühne agiert und dann weißt du auch, warum du eine Legende vor dir hast.


LP "Those Who Are About
To Die Salute You" (1969)

COLOSSEUM ist wieder auf Tour und mit ihr ein Stil des Musizierens, der vor mehr als vier Jahrzehnten ganze Generationen von Musikern prägte. Schon damals entschloss sich der exzellente Drummer JON HISEMAN, Jazz, Blues und Rock zu einer einzigartigen Melange zu verschmelzen und suchte sich Mitstreiter, mit denen er diese Vorstellung von Musik umsetzen konnte. Ab 1970 steht ein heute 70-jähriger Vollblutmusiker am Mikrofon, dessen Stil zu singen einzig ist, und dessen Stimme getragen wird von einem Sound und Drive, den man seither Jazz-Rock nennt. Das erste Album der Band war eine Pionierleistung und alle weiteren setzten immer noch einen drauf. Die Konstellation mit CHRIS FARLOWE als Sänger, DAVE GREENSLADE an den Tasten, DAVE CLEMPSON (Gitarre), MARK CLARK (Bass) sowie DICK HECKSTALL-SMITH (Saxophon) und dem Leader JON HISEMAN hinter dem Schlagzeug nennt man seither die klassische. Als diese Band von Virtuosen und Individualisten auseinander strebte und sich in Solo-Projekten fortsetzte, erschien zeitgleich das Doppel-Album "Live" (1971), das die Komplexität und Einmaligkeit dieses Klangbildes für die Ewigkeit konservierte. Diesen Sound auch einmal live zu erleben, sollte für lange Zeit der unerfüllte Wunsch vieler Fans, zumal in der DDR lebend, bleiben. Endlich war nun auch für mich dieser Zeitpunkt gekommen, das zu ändern. Alles kann man nicht haben, aber wenn sich die Gelegenheit noch einmal bietet, sollte man zufassen. Zwar hatte ich Chris Farlowe und "Clem" Clempson schon mit der Hamburg Blues Band erlebt (siehe meinen Bericht: HIER), hatte mich von der Faszination eines begnadeten Blues-Sängers einfangen lassen, aber diese alte Herrenriege mit BARBARA THOMPSON als Saxofonistin ist doch noch mal ein anderes Level und neue Erfahrung, wie sich noch herausstellen sollte.

Ein freundliches weibliches Wesen im Rollstuhl meinte, dass es schon ein besonderes Ereignis sein müsse, wenn so viel langes graues Haar an einem Ort zu finden sei und man könne nicht mal erkennen, ob darunter ein Bauarbeiter oder Rechtsanwalt verborgen ist. Die Faszination von FARLOWE & COLOSSEUM ist wohl noch immer, massenkompatible und hochenergetische Musik zu kreieren, und sie live zu präsentieren. Die Aussicht auf so ein Erlebnis lockt noch immer einige hundert an, die geduldig warten, schwatzen und drinnen noch in Ruhe ein Bierchen trinken. Über all dieser familiären Umgebung hätte ich beinahe vergessen, durch die richtige Tür in den kleinen Saal und dort in Ruhe bis vor zur Bühne zu gehen.


LP "Valentyne Suite" (1969)

Direkt vor mir die Hammond, die man unweigerlich mit dem Sound der Band verbindet, eine Marshall-Box blickt herab auf uns, als hätte sie die Hendrix-Zeiten überlebt und ganz hinten reckt sich ein Koloss von Schlagzeug in die Höhe. Mitten in die Gespräche hinein platzt aus der Masse ein Jubelschrei und ohne irgend eine besondere Ankündigung stehen die Männer auf der Bühne, die wir als COLOSSEUM kennen. Kurze Blicke zur Verständigung und schon krachen schwere Blues-Akkorde aus Orgel und Saxophon zur Begrüßung in den Saal. "Come Right Back" vom letzten Album "Tomorrow's Blues" (2003) heizt binnen weniger Augenblicke die Stimmung und die Luft an und man spürt, die Band ist "grad mal wieder zurück". Der Entertainer am Mikrofon jubelt, stöhnt und wimmert den Song in die wogende und stampfende Masse hinein und meint es sichtbar ehrlich, als die Band "I Can't Live Without You" folgenden läßt. Wer meint, bei so einem Konzert nur Altbewährtes und die großen Hits zu hören zu bekommen, wird immer mal wieder überrascht, wie regelmäßige Konzertbesucher zu berichten wissen. Auch hier in Dresden ist es nicht anders, denn Jon Hiseman kündigt einen Song vom Duo Jack Bruce & Jack Brown an, deren Namen eigentlich für die Musik von Cream stehen. "Morning Story" kommt allerdings von einer der frühen Bruce Solo-LP's. Eine sich magisch steigernde Blues-Nummer, die so ganz nebenbei den Mann am Bass, MARK CLARKE, als brillianten Sänger an der Seite von Chris Farlowe offenbart. Der Mann hat doch tatsächlich ein Timbre in der Stimme, das Jack Bruce neidisch machen könnte.
Der ganze Mittelteil lebt von den ausgefeilten Soli und Improvisationen, die BARBARA THOMPSON mit ihrem Tenor-Saxophon zaubert und sich dabei förmlich, notwendiger Weise auf ihrem Hocker sitzend, in einen Rausch der Töne spielt. Mir klingt's wie ein wilder und leidenschaftlicher Gruß an Dick Heckstall-Smith da oben, der zeigt, dass COLOSSEUM noch immer mehr ist, als eine Hit-Maschine zum Abspulen.

Eines der vielen Stilmittel der Band ist es, ihre einzelnen Stücke live ineinander über fließen zu lassen, die Übergange instrumental zu verwischen. Davon lebte die Faszination der Band schon in den frühen Jahren, das macht den Reiz des Doppel-Vinyl's "Colosseum Live" aus und das wird auch im ALTEN SCHLACHTHOF praktiziert. Man beginnt mit "Theme From An Imaginary Western", lässt die Melodie austrudeln, um einen Neustart mit "Walking In The Park" zu feiern und dann noch in schwitzender Manier den "Stormy Monday Blues" hinten dran zu hängen. Auf diese Weise werden geschickt instrumentale Höhepunkte geschaffen, die sich mit scheinbaren Ruhepausen abwechseln. Jon Hiseman spielte die "Imaginäre Westernfilmmelodie" erstmals in frühen Jahren mit Jack Bruce ein, der sie auch schrieb, um sie dann mit seiner eigenen Band Colosseum zu einer der schönsten Rocksongs überhaupt zu machen. Auch diesmal gibt uns MARK CLARK am Bass den Bruce wechselseitig mit Chris Farlowe. Die beiden Stimmen live zu erleben, hat wirklich eine ganz besondere Magie, die bis tief unter die Haut geht, doch ehe man sich ganz und gar fallen lassen kann, bricht dann eben "Walking In The Park" in der typischen Dreier-Akkordfolge über uns heran. Von diesem Moment an ist wahlweise Hüpfen oder Tanzen angesagt. Die Luft ist schwül, stickig und beim Hineinfließen in den Blues vom "Stürmischen Montag" weiß ich wieder, warum der Blues auch manchmal vom Leid zu erzählen weiß. Meine Klamotten kleben am Körper und das mit dem Haare waschen vorher war wohl auch eine Luftnummer.


LP "Live" (1971)

Die letzten Noten für die nun folgende "Valentyne Suite", so erzählt Jon Hiseman und schrieb es auch als Fußnote in das Cover vom gleichnamigen Album, schrieb er, als Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte und meinte, dass dies ein "kleiner Schritt für einen Mann, aber ein Riesenschritt für die Menschheit sei". Diese Worte darf man getrost synonym auf die "Valentyne Suite" von Colosseum übertragen. Sie ist das zentrale Meisterwerk einer Band und einer ganzen Musikergeneration, deren klanglicher Reichtum und musikalische Schönheit, für mein Empfinden, seither nie wieder erreicht wurde. Dieses Stück einmal live genießen zu können, hatte ich mir schon immer gewünscht.
Die dreiteilige Suite wird geprägt von DAVE GREENSLADE's markanten Orgelspiel und einem Thema, das sich quasi durch alle drei Stücke zieht, auch wenn in Dresden die Dominanz von CLEMPSON an der Gitarre deutlich vordergründiger war und BARBARA THOMPSON ein berauschendes Saxophon-Solo einbaute. Dadurch wirkte die Suite an diesem Abend nicht so elegisch, sondern rockiger, doch dann, als MARK CLARK seinen an klassischen Strukturen angelehnten Gesangs-Chorus im Wechsel mit dem Spiel des Saxophons intonierte, schien der ganze Saal wie verzaubert die Luft anzuhalten. Auf dem Höhepunkt am Schluss angekommen, entlud sich die Anspannung in einen einzigen Jubelschrei der Masse hinter mir. Wow und ich war dabei! Noch einmal ein Gruß der Musiker an uns vor der Rampe und danach schien alles vorbei zu sein.

Von wegen! Das Finale eröffnete der Mann, der Colosseum in Person darstellt. Den Gründer und den vom Jazz und Blues inspirierten Rock-Drummer solistisch zu erleben, ist ein ganz besonderes Schmäckerchen und sein Solo eines, das diese Bezeichnung wirklich verdient hat und das man heute nur noch sehr selten geboten bekommt. Noch ehe wir wirklich in Jubelgeschrei ausbrechen konnten, ging es auch diesmal fließend zu jenem Stück Musik über, das die meisten mit Colosseum verbinden. "Lost Angeles", der hektische Blues über eine Großstadt in den USA verschmilzt alles in Musik, was man sich über so eine Stadt an Gefühlen vorstellen kann. Da hört man Hektik, Lärm, Verkehr, Hast und Menschen, die kaum Ruhe finden. Farlowe bringt das singender Weise auf den Punkt, indem er uns sein "I don't wonna live in Lost Angeles!" entgegen "bluest" und verbindet das gleichzeitig mit einem Lob an die Menschen hier und speziell an Dresden. Der Mann wird wissen, warum er diesen Song so interpretiert. Hat er doch mehr von der Welt gesehen und mit Blues erlebt, als sich jeder von uns vorzustellen vermag. CLEMPSON an der Gitarre und CLARK mit dem Bass nehmen diese Zeichen in ihr Spiel auf und steigern sich für Minuten in ein solistisches Duell, in dem sie nach Belieben Zitate anderer Größen aufblitzen lassen - "Stairway To Heaven", "Sunshine Of Your Love" oder "Elenor Rigby" sind ebenso leicht zu erkennen, wie die Klassikzitate darin. Farlowe und Colosseum erleben wir als klingendes und stampfendes Monument zum Anfassen, eine kompakte Ladung Spielwitz und jede Menge solistisches Können. Dann noch eine letzte Verbeugung und sie sind von der Bühne verschwunden...


CD "Tomorrow's Blues" (2003)

...um wenige Minuten später wieder im Foyer zu sein und die verbleibende Zeit mit ihren Fans zu verbringen, ganz locker und völlig unverkrampft. In diesen Minuten werden auch meine leisen Wünsche wahr, und irgendwie beschleicht mich auch eine stille Ahnung, etwas ganz besonderes erlebt und erfahren zu haben - Colosseum live - endlich.

Irgendwann werden sie alle abgetreten sein, die wirklichen Legenden, einer nach dem anderen, vor oder nach mir. Gern hätte ich schon mal so ein Konzert in jüngeren Jahren erlebt, doch bin ich "weise" genug geworden, um das Event jetzt vielleicht viel intensiver zu genießen, auch wenn die alten Knochen noch Stunden hinterher Alarm signalisieren. Einige dieser vergleichbaren Herren und Damen, die andere ihre Helden oder Idole nennen, hab' ich inzwischen auch erlebt, mit einigen auf Augenhöhe gesprochen und mir so manches Kleinod signieren lassen. Vielleicht nennt mich so mancher, dem die Jugend noch viel Party zu versprechen scheint, ein wenig bekloppt, aber glaubt mir, meine Party im Kopf findet noch immer statt, wenn euch die "geilen" Reize schon längst abhanden gekommen sein werden. Dann ist eure Party schlicht vorbei und vergessen, Musik wie die "Valentyne Suite" aber wird noch lange sehr viele begeistern.

Weitere Termine der Tour:
24.06. Hannover
25.06. Lorsch
26.06. Freiburg
28.06. Stuttgart
29.06. Göttingen
30.06. Aschaffenburg
01.07. Ulm
20.08. Bad Doberan





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