David Byrne live am
12. März 2009 in Hamburg



Bericht: Holger Stürenburg
Foto: PR




Zwischen 1975 und 1988 fungierte der gebürtige Schotte und einstige Kunststudent DAVID BYRNE, der im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern in die USA übersiedelte, aber niemals die US-Staatsbürgerschaft annahm, als unangefochtener Chef, Frontmann, Hauptsongschreiber und Gitarrist der US-amerikanischen New-Wave-Truppe "TALKING HEADS". Das Quartett zählte zu den talentiertsteten und begehrtesten Bands der Post-Punk-Ära und wurde von Kritikern, wie Fans, gleichermaßen vergöttert. Bereits zu Zeiten, als seine Band noch bestand, nahm David Byrne die eine oder andere Soloscheibe auf; nach der Bandauflösung 1988, erschienen teils eher abstrakte ("Rei Momo", "The Forest"), teils durchaus geschmeidige, wenn auch zugleich zickige ("Uh-Oh") Alben des hochbegabten Exzentrikers.
Drei LPs der "Talking Heads" wurden zwischen 1978 und 1980 von BRIAN ENO produziert. Der 1948 geborene Klangzauberer war Mitbegründer der Yuppie-Glam-Heroen "Roxy Music", arbeitete mit Robert Fripp ("King Crimson") und war maßgeblich an der Entstehung der sog. "Berlin-Trilogie" von "Rock-Chamäleon" David Bowie ("Low", "Heroes", "Lodger") beteiligt.
Für David Byrne und die Seinen produzierte das Musikgenie aus Woodbridge/Suffolk die Meilensteine "More Songs about Buildings and Food" (1978), "Fear of Music" (1979) und nicht zuletzt "Remain in Light" (1980), ein klangliches Meisterwerk, das auf die Entwicklung der Wave-infizierten Popmusik der frühen 80er Jahre einen enormen Einfluß ausübte. Den anderen Mitgliedern der "Heads" gefiel es aber ganz und gar nicht, daß Eno zunehmend mehr das Bandgeschehen bestimmte, so daß sich David entschloß, 1981 seine erste Eigenproduktion, "My Life in the Bush of Ghosts", gänzlich alleine mit Eno einzuspielen.
Zeitsprung: Vor einem Jahr fanden die beiden kreativen Querköpfe Byrne und Eno nach knapp einem Vierteljahrhundert, wiederum zusammen und nahmen gemeinsam das Album "Everything that happens, will happen today" (Todomundo) auf, das im Herbst 2008 auf den Markt kam. Dieser Tage befindet sich David - leider ohne erwähnten Großmeister der Produzentenkunst - auf umfangreicher Europatour und gastierte am vergangenen Donnerstag (12.03.2009) im CCH Saal II zu Hamburg.
Vor kleinem, aber feinem Auditorium, nahezu ausnahmslos aus Beinhart-Fans des Künstlers bestehend, fand nun - und dies ist das Spezifische an Davids diesjähriger Konzertreise - keine Best-of-"Talking Heads"-Show statt, im Rahmen derer zum 175. Male "Psycho Killer" oder "Road to Nowhere" aufgeführt wurde. Nein, vielmehr zelebrierten David und seine exquisite Begleitband (dr, perc, key, b, drei perfekt aufeinander abgestimmte ChorsängerInnen, sowie ein Tänzer und zwei supersüße Tänzerinnen, von denen die brünette Natalie Kuhn genau dies ihr Eigen nennt, was ich auf meiner, für Spätsommer 2009 geplanten, eigenen neuen CD "Heilende Augen" (Songtitel) nennen bzw. besingen werde), (nahezu) ausschließlich Lieder, die David in Zusammenarbeit mit Brian Eno konzipiert hat.
Das Hauptaugenmerk legte der in Ehren ergraute End-50er, wie seine musikalischen Mitstreiter, ganz in weiß bekleidet, auf das Repertoire von "Remain in Light", sowie - natürlich - auf die Beiträge der aktuellen Kooperation mit Brian Eno, "Everything that happens, will happens today", wobei sich alte Titel mit den neuen stets abwechselten.
Nach einleitenden Worten, startete David seinen rund eineinhalbstündigen Auftritt mit dem sehr funkigen, neuen Tanzsaal-Reißer "Strange Overtones", woraufhin das positive Klangchaos "I Zimbra" aus "Fear of Music" folgte. Aus der aktuellen Produktion vernahmen wir im Laufe des Abends z.B. die zynische Ballade "One fine Day", den vertrackten Mid-Tempo-Poprocker "Home" oder den gemütlichen Countryschleicher "The Lighthouse". Die neuen Titel sind keinesfalls schlecht ausgefallen, aber… zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben sie mich jedoch nicht. Sie ertönen recht - man mag es kaum glauben - "schlagerhaft", Mainstream-orientiert; sie sind durchaus brauchbare Kreationen eines in Würde gealterten Ausnahmemusikers, der aber seine große Zeit als Komponist und Songschreiber offenbar hinter sich hat.
So richtig los legte David dagegen bei den guten, alten Nummern, live und unverblümt aus der Dekadenwende 70er/80er. Nahezu die gesamte "Remain in Light"-LP kam zum Zuge, so etwa das nervöse, hysterische, ultratanzbare "Born under Punches (The Heat goes on)", der bizarre Nahezu-Sprechgesang "House in Motion" oder das düstere Synthiepos "Listening Wind".
Reale Hits gab es am vergangenen Donnerstag kaum zu hören. Klar, daß die seinerzeit von Eno produzierten Tanzflächenfüller "Once in a Lifetime" - ein Wahnsinnstitel, in dessen Lyrik Chefzyniker David allen Spießbürgern dieser Welt diabolisch den Spiegel vors Gesicht hält - bzw. die hymnische Wave/Pop-Melange "Life during Wartime", ebenfalls mit einem bizarren, bitterst bösen Text versehen, oder die traumhafte Verliererballade "Heaven" (aus "Fear of Music"), die inhaltlich - philosophisch - von einer Bar handelt, in der eine Party stattfindet, auf der rein gar nichts passiert - und wenn diese Fete vorbei ist, geht sie wiederum, unterschiedslos und ohne die geringste Programmänderung, von vorne los… Doch nichts kann mehr Spaß bringen, aufregender sein, als eben jene surreale Feier im "Heaven" ein ums andere Mal zu besuchen. Es gab aber selbstverständlich auch die vordergründig harmonische, inhaltlich aber äußerst zynische Abrechnung mit dem ‚American Way of Life", "The Big Country", zu hören, wie gleichsam eine extremst Bowie-esk arrangierte Fassung von "Air" (ebenfalls "Fear of Music" entnommen).
In den über 20minütigen Zugabenpart baute David zusätzlich ein paar Songs ein, die nicht unbedingt dem Eno-Zeitalter entsprachen. Nach dem grandiosen Al-Green-Cover "Take me to the River", durften wir einschlägige 80er-Kinder Zeuge der Darbietung einer "unserer" Hymnen werden: "Burning down the House", ein unvergleichlicher Discorenner aus dem (NICHT von Brian Eno produzierten) 1983er-Album "Speaking in Tongues"...
Ja, nach dem Konzert sind mein bester Freund, Jan Lindenau, und ich vom CCH in Richtung Schlump gelaufen. Es war ein lauer Vorfrühlingsabend… wir kamen auf unserer Strecke an derjenigen scheußlichen Schule vorbei, wo wir beiden 1992 unser Abitur ablegten… ich weiß gar nicht, wieso wir in Anbetracht ebenjener Lehranstalt - mit drastisch ironischen Unterton versehen, versteht sich - ganz plötzlich "Burning down the House" anstimmten...
Schlußendlich: David Byrne 2009 ist der beste David Byrne seit 1992/93. Jung, kess, selbstironisch, ohne jegliche stimmliche Verfallserscheinungen, inspiriert und aufgefrischt durch juvenile Musiker, die letztlich seine Söhne, beinahe seine Enkel sein könnten. Das diesjährige Tourprogramm "Songs of David Byrne & Brian Eno" ist sicherlich ein (auch kommerzielles) Wagnis - aber fraglos eines, welches die echten, langjährigen Anhänger beider "Kreativ-Chaoten" absolut vom Hocker reißt.
Und dann erst die eine Ballett-Tänzerin Natalie…1992 war David mit einem augenzwinkernden Titel namens "Girls on my Mind" im Rennen, einer radikal gelungenen Parodie auf einen so schüchternen, wie dauergeilen Mann, der stets und ständig ausschließlich an hübsche Frauen denkt, aber niemals eine abbekommt. 1992 mögen die "Girls" on Davids "Mind" gewesen sein; 2009 hatte er das Riesen Glück, mit Natalie Kuhn eines der traumhaftesten Mädels der Welt "on his Stage" begrüßen zu dürfen.
Wenn seine junge Band dem großen Helden der Spät-70er-Wave-Bewegung so viel Kraft und Inspiration verleiht, wie am letzten Donnerstag im CCH, dann werden wir von DAVID BYRNE sicherlich auch in Futuro noch viel, viel Interessantes, gerne gleichfalls Außergewöhnliches, nicht Alltägliches zuerkannt bekommen!