BERLIN MUSIC CLASH am 30.9.2008,
Postbahnhof am Ostbahnhof



Bericht: Andreas Hähle
Fotos: Patti Heidrich, Dietmar Meixner




12 Bands - der 1. Grand Prix der Berliner Stadtbezirke
Man könnte es für einen Marketing-Gag halten, der dem Raabschen Bundesvision Song Contest zugeordnet ist. Das war es aber nicht, es war eine ernsthafte Angelegenheit mit einem sehr guten Hintergrund. Dieser bestand nicht nur darin, den Berlinern ihre jungen und gestandenen Bands in einem gesunden Wettbewerb vorzustellen. Dieser bestand auch nicht nur darin, trotz der konkurrenten Situation die Berliner beisammenzubringen und zwar durch Musik (denn wer möge es denn einem Neuköllner verbieten, für eine Charlottenburger Band zu stimmen?). Für die Macherinnen und Macher war es eine Studienarbeit, wozu Dietmar Meixner ja schon einiges geschrieben hat, aber mit Sicherheit mehr als das. Es war Arbeit, es war eine Höchstform der Konzentration und diese natürlich - Veranstalter derartiger Events wissen ein ganz hohes Lied davon zu singen - immer wieder eine Angst, es könnte hier etwas zusammenbrechen und dort etwas aus dem Ruder laufen. Nichts davon ist geschehen und so haben Dana Böving, Linda Jakobsen, Ètienne Touissant, Jakob Ballestrem (welcher einen wundervollen Auftritt als Nicole-Parodist zwischen den Acts und der Auswertungsbekanntgabe hinlegte!!!) und Charlotte Kayatz nicht nur den Dank aller Berliner MusikantInnen und MusikfreundInnen verdient, sondern den allerhöchsten Respekt, ja wahrhaft den allerhöchsten...
Es stimmte alles. Die Sponsoren (u.a. www.deutsche-mugge.de), die Medienpräsenz und -referenz, das Publikum, die Technik, das Ambiente, die Künstlerbetreuung, die Filmeinspieler vor jedem Act - erinnernd an den Grand Prix dŽEurovision -, all dies formierte sich in einer Heidenarbeit, die ich gar nicht nachvollziehen kann (und ehrlicherweise auch gar nicht will) zu einem Kompakt-Event der Sonderklasse, welches diesmal nicht erst am Schluß eines kleinen Berichtes darüber, sondern schon am Anfang, nach Wiederholung rufen lässt. Und irgendetwas in mir sagt, ich bin mir sicher, dass es Wiederholungen geben wird, Jahr für Jahr ... und natürlich werden wir von deutsche-mugge.de auch wieder mit dabei sein...
Um all das wiederzugeben, was ich fand und empfand, reicht weder Platz noch Geduld der werten Leserschaft und insofern konzentriere ich mich zwar im weiteren Verlauf des Berichts auf das Wesentliche, rate aber allen, welche dies liesen, so es im Rahmen der Möglichkeit besteht, einen weiteren Event dieser Art nicht zu verpassen, nicht nur, weil man jede Menge neuer und sehr sehr interessanter Bands und Projekte kennenlernt, sondern auch, weil es einfach die Möglichkeit ist, einen wundervollen und spannenden Abend zu verleben ... wie es der erste BerlinMusicClash war.

Die Macher des BerlinMusicClash
Vorausgewählt wurden die teilnehmenden Bands von einer Jury, bestehend aus: Dagmar Rumpenhorst (daglicious coordination), Michael Stockum (four music) und dem Motor FM-Musikchef Ueli Häfliger.
Nun aber zu den aufgetretenen Bands in der Reihenfolge ihres Auftritts beim BerlinMusicClash:
Den Auftakt gaben "The toten crackhuren im kofferraum", vertretend den Stadtteil Lichtenberg. Ihre Musikstilistik bezeichnen sie selbst als Trash/Elektro/Punk und ich glaube, das ist es auch. Sie hatten es aus meiner Sicht wohl am schwersten. Nicht nur, weil es sich um eine Garde von 11 jungen Mädchen handelte, eigentlich 13, die ein bisschen den Eindruck von Cheerleadern machten, wenn auch von der völlig abgedrehten Sorte. Nicht nur, weil es die ersten, die bei einem Wettbewerb auftreten, immer etwas schwerer haben. Sondern auch, weil sie im Grunde zwei Auftritte hinlegen mussten, was dem Fernsehen zu verdanken war, das eine Live-Übertragung vom BerlinMusicClash machen wollte, als der Wettbewerb noch gar nicht begonnen hatte und der größte Teil des Publikums sich noch in einem anderen Raum befand. Ich halte von diesem künstlichen schrill aufgemotzten "Wirtunmalalsobhierschonhöllischwasabgeht"-Getue überhaupt nichts und ich weiß auch nicht, warum hier vor dem Wettbewerb, dem Gott Sendezeit huldigend, in Kauf genommen wird von den Fernsehleuten, dass a) eine Stimmung kaputt gemacht wird, in dem sie erst aufgeputscht und dann - zwischen Aufzeichnung und Wettbewerb - wieder zurück in die Ruhe vor dem Sturm katapultiert wird und b) dass eine Band vor Publikum doch 'son bisschen "vorgeführt" wird. Nun gut, die Crackhuren sind jung und haben mit Sicherheit eine Menge vor sich, aber nett war es ihnen gegenüber nicht, auch wenn sie sich mit Sicherheit darüber gefreut haben, mal im Fernsehen zu sein, was sie aber sowieso wären, denn die gesamte Veranstaltung wurde aufgezeichnet. Das Fernsehen killt aber eben nicht nur die Radiostars, sondern auch die Bühnenstars und das mit stupider Ignoranz und bereits seit Jahrzehnten nach einem Muster, welchem sich zwar deren Macher beugen, aber schon lange selbst nicht mehr durchschauen. Aber dafür widme ich "the toten crackhuren im kofferraum" die allermeisten Zeilen und das ist doch auch schon mal was.
Lichtenberg ist eh ein eigener Stadtbezirk, die Menschen können im Grunde kaum etwas anderes machen als nach vorne zu schauen oder nach hinten und diese Mädchen schauen nun mal konsequent und mit großem Selbstbewusstsein nach vorn und insofern stehen sie tatsächlich sehr sehr authentisch für ihren Stadtbezirk. Gegründet haben sie sich aus einer recht seltsamen Geschichte heraus. Sie haben sich ab und zu mal in die Backstagebereiche von Bands begeben, um dort Bier "abzufassen", bis ihnen mal die Frage gestellt wurde, was sie denn dort zu suchen hätten und so behaupteten sie, sie wären eine Band. Seitdem sind sie eine und auf dem besten Wege, Kultstatus zu erreichen. Ihr skuriller Auftritt beim BerlinMusicClash hat sicherlich das Seinige auf diesem Wege getan. Es war mehr als erfrischend. Luise Fuckface, Schrippe MC Intosh, Doreen, Kristin, Rabea, Pia, Bibo, Stephanie, Steffi, Ossi, Charline und Janet habens uns gezeigt ... irgendwie ... mit ihrem "Katzenfleisch"...
Für Reinickendorf traten Vivian & die Lebowskis an und überzeugten einen großen Teil des votenden Publikums so sehr von ihrem Großstadt-Jazz, dass sie den 2. Platz bei diesem ersten BerlinMusicClash errangen. Die Formation (Piano, Kontrabaß, Drums) um die eigentümliche Sängerin mit ihrer prägnanten musikalische Ausdrucksform von deutschen Texten existiert seit ca. anderthalb Jahren und hat sich in dieser kurzen Zeit doch schon etwas in der Szene bekannt gemacht. Sie sind recht häufig in Berliner Jazzclubs zu erleben, so zum Beispiel am 11.11. im "Zosch". Derzeit arbeiten sie gerade an einer eigenen CD.
Ebenfalls ca. anderthalb Jahre gibt es auch die Band The Toulouse, die für den Stadtbezirk Tempelhof/Schöneberg antrat. Sie kommen sehr professionell und stimmig daher, der auch Gitarre spielende Sänger Marek Jamrozy, Christopher Brandt am Baß, Christian Zippert an der Gitarre, Oskar Alpen an den Drums und Sascha Niemann (Gitarre, Gesang). Orientiert haben sich die Jungs bei der Gründung am Sound der "Rolling Stones". Inzwischen haben sie eine EP vorzuweisen. Demnächst in Berlin in Gänze live zu erleben sind sie am 20.12. im Franz Club.
Etwas gewöhnungsbedürftig vielleicht, aber doch sehr interessant und spannend kam das Elektronik-Duo Transformer di Robototer daher, welche die Mitte Berlins vertraten, in der die beiden Musiker Alexander Kloster und Johannes Malfatti auch leben. In dieser Mitte, also im Mainstream, lag ihre außerordentliche musikalische und auch Show-Darbietung absolut nicht. Dieses Electronica/Alternativ/Pop-Duo gibt es bereits seit 2002 und kann einige CD-Veröffentlichungen vorweisen, wie z.B. auf "Transform Hits 2003" oder "Metall Kings 2006".
Die Siegerband COSMA
Mal abgesehen davon, dass ich selbst im Berliner Stadtbezirk Treptow/Köpenick lebe, bin ich selbstverständlich bei den Kurzvorstellungen der teilnehmenden Bands sehr unparteiisch, so dass ich nur nebenher erwähne, dass die für diesen Bezirk angetretene Band Cosma einen verdienten 1. Platz beim ersten BerlinMusicClash errungen hat. Die Band gibt es schon recht lange unter dem Namen "Fumble", als "Cosma" seit ca. 5 Jahren. Ob diese Namensgebung durch Matthias Kaatsch (Gesang, Gitarre), Sebastian Emmerich (Gitarre, Gesang), Maxim Garbusow (Drums), Christian Jaeger (Keyboards) und Jacob Hardt (Baß) etwas mit einer Schauspielerin zu tun hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie vor dem Wettbewerb und sicher erst recht danach eine Single verschenkten mit ihrem Wettbewerbstitel für "Berlin-Hymne" gesucht mit den Titeln "Ich steh auf Berlin" und "Ich steh anders auf Berlin", den es auch in diesem Wettbewerb zu hören gab. Ihr aktuelles Album heißt schlicht und ergreifend "Schlicht und ergreifend". Zur Zeit touren sie durch Deutschland und sind demnächst z.B. in Dresden und in München zu live zu erleben.
Für Steglitz/Zehlendorf gingen You Pretty Thing an den Start, eigentlich ein Duo, bestehend aus der Sängerin Jayney Klimek und Andreas "Blacky" Schwarz-Ruszcynski diesmal in voller Bandformation. Für mich persönlich war es die bekannteste Formation, haben die beiden Frontleute ja doch schon mit sehr hochkarätigen Musikern zusammen gearbeitet und sind wohl auch in Berlin nicht unbedingt die unbekanntesten. Ihre ursprünglich wirkende teils jazzige, teils elektronisch experimentelle Art haben sehr erfrischt und waren, gerade in dieser Formation, eine sehr schöne Farbe in diesem überhaupt sehr musikalisch vielfältigem Wettbewerb.
Sehr überzeugend wirkte auch der in Deutschland lebende Brite Ben Hamilton, welcher den multikurlturellen Stadtbezirk Neukölln vertrat. Es war eine wundervolle Darbietung, wie man sie von einem Sinbger/Songwriter nicht anders erwarten will, immerhin heißt seine aktuelle CD "Hand Made". In der Bandformation ging seine wundervolle Stimme zwar für meine Begriffe ein wenig unter, dennoch hat Ben Hamilton wie auch sein Stadtbezirk Neukölln einen beachtlichen und handerarbeiteten 3. Platz errungen.
Völlig anders gefärbt erschien die Metalband Final Chaos aus dem Stadtbezirk Spandau. Ich finde es ja ohnehin toll, wenn man die Klischees, die ja durch die Werbung einer bestimmten Biersorte von den Berliner Stadtbezirken so hat, mal völlig gebrochen werden. Da geht ja kein Weltbild zugrunde, sondern bestensfalls, wie in diesem Falle, ein völlig neues auf. So rockten die Spandauer, welche seit ungefähr zwei Jahren gemeinsam musizieren und seit drei Monaten in der aktuellen Besetzung, den Postbahnhof. Ihre erste CD heißt "Fall Of Distance" und kam in diesem Jahr heraus.
Das Besondere, so schrieb ich ja bereits, an diesem Wettbewerb waren auch die unterschiedlichsten musikalischen Stilrichtungen. So war es doch ein heftiger stilistischer Unterschied zwischen der Metalband "Final Chaos" und dem ihr folgenden Swing-Trio Safe, Sane & Single, die wiederum Charlottenburg/Wilmersdorf so vertraten, wie es mein klischeebehafteter Schädel wohl erwarten würde. Ich gebe auch zu, ich hatte ein wenig Angst davor, wie sie vom Publikum angenommen werden würden, diese wunderbaren Virtuosen Maarten Hoogenboom (Gesang), Christian Weichert (Gesang, Klavier) und Timon Ruhemann (Gesang, Schlagzeug). Das Publikum feierte sie. Wieder etwas, was sehr für diesen Wettbewerb spricht und für das gesamte Ambieten, welches die Veranstalter schufen. Das Trio hat ungeheuer viel musikalischen Spaß bereitet und die Herzen mehr als geweitet.
Ebenfalls alte Hasen (nein, nicht vom Alter her) präsentierten den Stadtbezirk Hellersdorf/Marzahn. Die Punk-Pop-Rock-Band Katze mit den sehr überraschenden musikalischen Ideen, ihren überaus interessanten unbekümmerten stilistischen Genreübergriffen um Klaus Cornfield (Gesang, Gitarre), Minki Warhol (Gesang, Stylofon), Karen Fantastisch (Baß) und Philip Vesper (Drums, Gitarre) besteht bereits seit sieben Jahren. 2005 kam ihre erste CD "Katze von hinten" heraus und demnächst wird eine weitere Veröffentlichung fertig gestellt sein mit dem vielversprechenden Titel "einer muß die verantwortung übernehmen". (Was ja auch mal irgendwann gesagt sein muß.)
Die allesamt aus Pankow stammenden und diesen Stadtbezirk auch würdig vertreten habenden Musiker der Band The Magnificent Brotherhood nennen ihre Musik selbst Garage Rock und präsentierten einen soliden - wenn man dies mittlerweile für diese Stilistik so nennen darf - Sixties Punk. Seit 2007 spielen sie immer mal wieder hier und da in den verschiedensten Clubs auf und werden mit Sicherheit noch oft von sich hören machen, nicht nur in Pankow und nicht nur in Berlin.
Man sagt ja immer, der Letzte zu sein wäre ebenso schlecht bei musikalischen und anderen Einzelwettberben wie der Erste zu sein, aber ich glaube, in diesem Falle traf die Wahl des letzten Acts weder das Publikum schlecht noch die agierende Band selbst, in diesem Falle die zwischen Electro und New Wave kreuzende (neudeutsch: crossende), aber eigentlich eher stilistisch mischende Band für Friedrichshain/Kreuzberg Full Duplex, welche seit zwei Jahren existiert und sich derzeit auf Europatournee befindet, wobei sie auch in deutschen Städten, wie in München und Mannheim demnächst zu erleben sein wird.
Sehr gern würde ich, weil es vielleicht auch immer ein wenig zu einem ordentlichen Grand Prix de la Music dazu gehört, etwas über die verschiedenen Bühnenoutfits schreiben. Aber da ich nicht in der Lage bin, mich selbst gut und erst recht stilistisch zu kleiden, lasse ich das lieber. Ihr habt ja die irren vielen Fotos und könnt Euch selbst - im wahrsten Sinne des Wortes - ein Bild machen.
Ich bin auf jeden Fall immer noch sehr begeistert in der Erinnerung an den ersten BerlinMusicClash und von allen dort aufgetretenen Bands. Und ich freue mich schon auf den zweiten BerlinMusicClash, den es doch hoffentlich geben wird und auch darauf, sowohl die eine als auch die andere der am 30.9. im Postbahnhof aufgetretenen Bands dann und wann in einem ganzen Konzert zu erleben, denn natürlich konnten sie alle lediglich zwei, höchstens mal drei Songs von sich spielen. Das reicht zwar vielleicht aus, um sich ein Bild zu machen, aber nicht, um den Hunger zu stillen, wenn die Darbietung Appetit gemacht hat. Auch in diesem Sinne hat der BerlinMusicClash doch ganze Arbeit geleistet und keinesfalls, keinesfalls, keinesfalls ... nur bei mir.

Anmerkung: Auch 2009 wird es wieder einen BerlinMusicClash geben. Wie in diesem, so auch im nächsten Jahr wird Deutsche-Mugge wieder offizieller Medienpartner dieser Veranstaltung sein.




Foto Impressionen:



Alle Fotos von Dietmar Meixner findet Ihr im Fotoalbum HIER...


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