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The Blues Band feat. Paul Jones live in der "Tante Ju" zu Dresden am 16. Mai 2010 Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Als sich Mitte der 60er die Britische Beat-Invasion auch in Deutschland wie ein reinigendes Gewitter über der Musik- und Radiolandschaft austobte, war ich Teenager und niemand hätte mir die Musik der Beatles, Stones, Kinks oder Who abspenstig machen können. Der Virus hatte sich bei mir schon festgesetzt, ich war infiziert, Heilung unmöglich und unerwünscht. Immer Neues und Überraschendes war aus dem (West)Radio zu hören. Eine Mauer im Äther existierte nicht. Vieles davon hat sich bei mir in den Erinnerungen festgefressen und in die Matrix der Hirnmasse eingebrannt, so dass ich es heute noch aus dem Stand nachsingen könnte: "Do Wha Diddy" von MANFRED MANN war so ein Gassenhauer im Stile von "Don't Ha Ha" (Casey Jones) oder auch "Wooly Bully" (Sam The Sham). Doch MANFRED MANN hatte auch Songs wie "Pretty Flamingo", der dem damaligen Zeitgeist perfekt entsprach und den gut und gerne auch BOB DYLAN hätte schreiben können. Gesungen hat diesen Song PAUL JONES, und als die Band mit diesem Sänger Erfolge verbuchte, stieg der aus um sich eine Solo-Karriere aufzubauen. Im Jahre 1969 kam dann aus England der Film "Privilege" in die Kinos der kleinen DDR und ich war einer von denen, die den Film schon allein deshalb mehrmals sahen, weil darin PAUL JONES als Steve Shorter dieses bewegende "Set me Free" ("Free Me") sang. Wir haben, Jungs wie Mädels gleichermaßen, bergeweise Taschentücher voll geflennt und sind zur KLAUS RENFT COMBO gegangen, um diesen Song live zu hören, den damals in beeindruckender Weise Hans-Jürgen Beyer sang. Der Film "Privilege" war und ist in meiner Generation Kult. Die Platte hab' ich mir damals als EP schicken lassen, und erst mit den Zeiten von YouTube war es mir möglich, mal wieder ein paar Ausschnitte daraus sehen zu können. Inzwischen gibt es wohl auch eine DVD der englischen Originalfassung irgendwo im Handel. PAUL JONES hab' ich danach aus den Augen verloren, auch, weil Manfred Mann mit seiner EARTH BAND eine Musik fabrizierte, die mir inzwischen zeitgemäßer erschien. Erst als die ehemaligen Bandmitglieder von Manfred Mann, TOM McGUINNES und HUGHIE FLINT mit ihre Band McGUINNES FLINT und dem Song "When I'm Dead And Gone" erfolgreich waren, kam bei mir auch PAUL JONES wieder vor, denn gemeinsam gründeten die drei 1979 ihr eigenes Projekt - THE BLUES BAND war geboren. Inzwischen liegt auch dieses Ereignis mehr als 30 Jahre zurück, die Band ist auf Jubiläumstour, und ich frage mich, wo nur all die Jahre geblieben sind? Manchmal läuft man an einem solchen Abend jemanden über den Weg, den man schon ewig nicht mehr sah. Vor dem Konzert der BLUES BAND erhielt ein junges Gitarrenduo die Chance, sich den Anwesenden zu präsentieren. RAW ACOUSTIC machten ihre Sache wirklich gut, überzeugten mit einem Set eigener Songs, von denen mir "Desert" und "The Bright Side" am besten gefielen. Doch auch ihre Version des Box Tops-Klassikers "The Letter", ganz am Schluss gespielt, zeigte, dass sich Gregor Arndt & Alex Müller auch bestens mit den Klassikern auskennen und es verstehen, ihnen ihr eigenes Gefühl zu übertragen. Das schöne für mich daran ist die Tatsache, dass der Vater von Gregor in den 70er und 80er Jahren zu den Strammgästen der "STUBE" in Elsterwerda zählte und beinahe alle unserer Rock-Konzerte erlebt hat. Auch das war gestern Abend wieder mal und ungeplant Thema. Verdammt noch einmal, wo sind denn nun wirklich all diese Jahre geblieben?
Dann stehen sie, so gegen 21.00 Uhr, auf der Bühne der "Tante Ju" und ohne diesen Glanz der Jahre vor sich her zu tragen, greifen sie in die Saiten und der Mann mit der hellen Hose und dem grauen Jackett lässt die Mundi den Blues schluchzen . Von diesem Moment an ist alles im Raum Blues, die Luft, der Geruch und die Gesichter der hinter mir Stehenden. Der Blues beginnt zu stampfen, wühlt sich in die Körper und lockt sie nach vorn, obgleich das Stück "Going Home" heißt. Aber spätestens bei "Steping Out" ist dieses Gedankenspiel schon wieder vergessen. Was ebenfalls sehr angenehm auffällt, sind die fehlenden "Hallo Dresden"- und "Alles gut?" - Rufe, die man meist zu hören bekommt. Statt dessen plaudert PAUL JONES völlig ungezwungen und locker drauflos, kokettiert mit seiner Vergangenheit und der seiner Bandkollegen, um daraus zwischen den Songs kleine Geschichten zu basteln. So die von Little Johnny Taylor und seinem Song "If You Love Me Like You Do", den er charmant für seine Fans in der Halle umdeutet. Der Mann ist ein Entertainer vor dem Herrn, eine Kultfigur ohne Allüren und eine schlanke knackige Gestalt von Mann - Geburtsjahr 1942(!!) -, dass man(n) vor Neid erblassen möchte, was im Dunkel zum Glück keiner erkennen kann. Meine Fresse! Doch der Typ da vorn ist nicht der Frontmann, sondern Bandmitglied und das merkt man immer dann, wenn er mit der Mundi nach hinten tritt, um einen der anderen aus der historischen Herren-Riege das Mikrofon zu überlassen. In der rechten Bühnenecke stehend widmet sich TOM McGUINNES einem wirklichen Klassiker des Blues, den einst SLIM HARPO schrieb, die ROLLING STONES berühmt machten und den jeder Blues-Mann wenigstens ein Mal im Leben gesungen haben sollte - "King Bee". Der Mann, der einst eine Hälfte von McGUNNNES FLINT war, macht das mit einer lächelnden Leichtigkeit, die ist erstaunlich. Dazu lässt er seine Gitarre jammern und die Freude steht ihm dabei ins Gesicht geschrieben. An der linken Bühnenseite, direkt vor mir, steht DAVE KELLY, einer der besten Slide-Gitarristen Englands, was er mehrfach, dezent im Hintergrund stehend oder sitzend, unter Beweis stellt. Wenn er dann selbst, wie beim "Down Home Blues", singend vor dem Mikro steht und seine Finger über die Saiten tanzen lässt, scheint der kleine Mann förmlich zu bersten. Der Typ mit dem Bass, GARY FLETCHER, machte anfangs den Eindruck, als gehöre er gar nicht auf die Bühne oder zur Band. In sich versunken, beinahe an seine Bass-Box gelehnt, fließen die Blues-Läufe aus den dicken Saiten und nur manchmal, wenn man nicht mehr damit rechnet, klatscht er dir so ein paar Salven ins Gesicht und grinst dabei wie ein Lausbub. Vor dem Mikro ist er dann plötzlich ein Blues-Sänger mit einem Timbre, das einen umhaut. "Sign Me A Paper" ist so eine ruppige Nummer und man spürt förmlich, wie die Basstöne, die er fabriziert, den Raum zum schwingen bringen. ROB TOWNSEND am Schlagzeug ist ein "alter" Haase und machte schon bei FAMILY und dort für ROGER CHAPMAN, Ende der 60er und Anfang der 70er, den wilden Rhythmus zum Blues. Dieses "Wildsein" hatte er gestern gut versteckt, aber der Rhythmus-Mann schaffte es auch sparsam, dezent und mit viel Feingefühl, den Blues ganz dicht zu stricken. THE BLUES BAND kommt völlig ohne Show, ohne Lichterflackern und ohne Posen aus. PAUL JONES ist Geschichtenerzähler und Sänger pur. Auf der Bühne geschieht Spaß und Lebensfreude und Musik bzw. Blues ist nur Ausdruck dessen, so eine Art Medium der Band, um uns alle damit anzustecken, Freude zu vermitteln und auch schon mal kräftig auszuteilen. So hätte "Maggie's Farm" (Bob Dylan) gestern auch gut und gerne eine neue Textzeile haben können, die ich wahrhaftig gern mitgesungen hätte: " I Ain't Gonna Work On Angie's Farm No More"!
So manche Band, die ich in den vergangenen Jahren erleben durfte, hat exzellent Musik gemacht und technisch hervorragend gespielt, die Konzerte waren gut besucht und die Show perfekt bis ins Detail. Gestern ist mir mal wieder aufgefallen, dass dies alles nichts ist, wenn die Botschaft nicht lebt und das Lachen im Gesicht, die Gesten und Posen ein Teil der Show sind, beliebig abruf- und wiederholbar. Wenn es also einen Unterschied geben sollte, dann ist es dieser: "What the hell is a set-list?" So einen Haufen Spielfreude, ansteckendes Lachen und gelebte Herzlichkeit hab' ich von einer Bühne runter und danach mitten unter den Fans erst kürzlich, an gleicher Stelle, bei TEN YEARS AFTER erlebt! Der Blues geht ins Blut, die Botschaft ins Hirn und das Gefühl ins Herz. In den nächsten Wochen werde ich wohl gegen Vulkanasche, Ölteppiche, Haushaltsdebatten und Steuerbetrug immun sein, dem BLUES und der BAND sei DANK. Wenn mir jemand 1969 nach dem Besuch des Filmes "Privilege" prophezeit hätte, dass ich 40 Jahre später diesen PAUL JONES live auf einer Bühne erleben, ihn persönlich um ein Autogramm auf das DEFA-Filmprogramm von damals bitten und mich mit ihm fotografieren lassen würde, den hätte ich wahrscheinlich gefragt, ob er denn diese hohe und lange Mauer in Berlin übersehen habe. Nun gut, das mit der Mauer hat sich inzwischen erledigt, weil es das Volks wollte und die Politik dazu nicht in der Lage war. Das mit all den anderem Wünsche wünschen hab' ich gestern bei einem stets freundlichen PAUL JONES, TOM McGUINNES, GARY FLETCHER, DAVE KELLY und ROB TOWNEND auch erledigt. Wie sang doch Bob Dylan gleich? Richtig: "The Times They Are A-Changing" - ein Dummkopf, wer nicht endlich drüber nachdenkt!
Fotoimpressionen:
Auftritt "Raw Acoustic" ![]() ![]()
Aufritt "The Blues Band" feat. Paul Jones ![]() ![]()
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