BAP live am 30.11.2008 in Hamburg



Bericht: Holger Stürenburg
Fotos: PR




Er wird seinem großen Vorbild Bob Dylan immer ähnlicher: Mit einem feschen, weiß/grauen (allerdings nicht "uss Leopardefell" bestehenden) Schlapphut, wie ihn "His Bobness" auf dem Cover seiner legendären 1975er-LP "Desire" trug, auf dem Kopf, betrat am vergangenen Sonntag, dem 30. November 2008, ein gut gelaunter Wolfgang Niedecken, seines Zeichens Frontmann der Kölschen Rocker von "BAP", die Bühne der bis auf den letzten Platz ausverkauften "Großen Freiheit 36", nahe der Hamburger Reeperbahn. Begleitet wurde der 57jährige Sänger, Lyriker und Gitarrist von Helmut Krumminga (git), Michael Nass (key), Schlagzeuger Jürgen Zöller und Bassist Werner Kopal - die beiden letzteren kennen manche von uns sicherlich noch von den "Deserteuren", der einstigen Band vom Genrekollegen Wolf Maahn in den 80er Jahren.
Die aktuelle Formation von "BAP" - Niedecken ist das einzige verbliebene Urmitglied der 1976 entstandenen Truppe - hatte im Mai diesen Jahres die beiden CDs "Radio Pandora (plugged)" und "Radio Pandora (unplugged)" (auch als Dreifach-Vinyl-Ausgabe erhältlich) veröffentlicht, für die das plietsche Quintett aus der Domstadt ein recht blueslastiges - auf beiden Tonträgern überwiegend identisches - Programm einerseits mit elektrisch verstärktem Rockinstrumentarium ("plugged") und andererseits in rein akustischem Gewand ("unplugged") aufgenommen hatte.
Zwar besitzen die Kölschrocker nicht mehr die gesellschaftliche Reputation, die sie noch vor zehn, 15 Jahren ihr Eigen nennen durften; trotzdem zeigen die aktuellen Lieder von "Radio Pandora", immerhin im Sommer 2008 kurzzeitig Nummer Eins der offiziellen "Media Control"-Charts, "BAP" in Bestform; das überfrachtete Vorgängeralbum "Sonx", mit deren chaotischer Stilmixtur der Verfasser dieser Zeilen, überzeugter "BAP"-Fan seit seinem elften Lebensjahr, niemals allzu viel anfangen konnte, fällt somit in die Rubrik ‚Blackout' - die "BAP" anno Domini 2008 sind fraglos die Besten "BAP" seit vielen Jahren!
Dies belegte auch ihr gefeierter Auftritt am vergangenen Sonntag in der "Großen Freiheit 36". Besonders der verhältnismäßig jugendliche Gitarrenheroe Helmut Krumminga sorgte mit seinem tiefgehenden, im positivsten Sinne des Wortes lauten, aber gleichsam auch kompakten, niemals übertrieben ausufernden Spielstil für einen stets ansprechenden, mitreißenden, häufig enorm bluesbetonten und riff-orientierten Sound, der auf perfekteste Weise mit dem feinsinnigen Keyboardeinsatz von Michael Nass harmonierte. Die beiden "alten Hasen" Jürgen Zöller und Werner Kopal, immerhin fast 30 Jahre im Geschäft, taten das übrige dazu, daß "BAP" zwar weiterhin traditionell, 60er-orientiert und kompromisslos rockig klingen, aber zugleich niemals altbacken, angestaubt oder womöglich gar langweilig bzw. eintönig.
Mit "Wat für e' Booch", einer kraftvoll rockenden Hommage an den US-amerikanischen Hippie-Schriftsteller Jack Kerouac und dessen Hauptwerk "On the Road", eröffneten Wolfgang Niedecken und Co. eine knapp dreieinhalb(!)stündige Tour de Force durch 32 Jahre "BAP", bestehend aus einer krossen, mehr als nur gelungenen Mischung aus Beiträgen von "Radio Pandora" und guten, alten Klassikern der Kölschen Helden, die unsere Adoleszenz in nicht unbedeutender Weise mit bestimmt haben!
Wir hörten im ersten Part der Show, die Wolfgang übrigens Dylan-gemäß zur "Reise durch Träume und Alpträume" ausgerufen hatte, mehrheitlich neue Titel, wie z.B. den spröden Anti-Falkland-Krieg-Blues "Diego Paz wohr nüngzehn", den schnellen, hymnischen Riff-Rocker "Et ess, wie't ess", den knackigen Bluesrocker "Kron oder Turban", Wolfgangs pointierte Kampfansage gegen jeglichen Fundamentalismus dieser Welt, die ironische, wenn auch überaus notwenige Auseinandersetzung mit dümmlicher Formatradio-Berieselung, "Musik, die nit stührt", die nächtliche Reisebeschreibung "Morje fröh doheim" oder die rheinische Dylan-Bearbeitung "Für immer jung" ("Forever Young").
Ein besonderes Anliegen des unverbesserlichen Weltverbesserers Wolfgang N. ist der Einsatz gegen von unmenschlichen, größenwahnsinnigen Diktatoren in Afrika als Kanonfutter missbrauchte Kindersoldaten, mit deren Schicksal er sich seit einem Besuch im bürgerkriegsgeplagten Nord-Uganda intensiver beschäftigt. Er protegiert nicht nur das Projekt "Rebound" des humanitären Vereins "World Vision", das sich für die gesellschaftliche Reintegration als Kindersoldaten gequälter Kinder und Jugendlicher in Uganda einsetzt, sondern verfaßte er auch die düstere Rockballade "Noh Gulu", in der er eben geschilderte Problematik eindringlich, intensiv, intim und engagiert thematisiert. Schlicht hervorragend und absolut trefflich, fand ich die Idee, uns Journalisten und andere Inhaber von Gäste- bzw. Pressekarten aufzufordern, jeweils eine Spende von 10.00.- Euro zugunsten o.g. Hilfsorganisation an der Abendkasse zu entrichten. Ich denke, keiner der Kollegen und sonstiger "kostenloser" Konzertbesucher wird sich diesem konsequent unterstützungswerten Anliegen widersetzt haben!
Selbstverständlich kamen auch die großen Hits und Fanfavoriten an jenem kühlen, aber nicht unbedingt ungemütlichen Novemberabend keinesfalls zu kurz. Rasante Hymnen, wie z.B. "Nemm mich met" (1983), "Frau, ich freu mich" (1982), "Ne schöne Jrooß" (1980), der spritzige Reggae "Aff un zo" (2001), die melancholische Synthiballade "Alles em Lot" (1990), der freche Ragtime-Verschnitt "Ens em Vertraue" (1981) oder das phantastisch ausformulierte Liebeslied "Rita, mir Zwei" (1999), einer der ausdrucksstärksten, atmosphärischsten teutonischen Songs der sonst so ausdrucks- und anspruchslosen 90er Jahre, führten die in ihrer Mehrzahl mit "BAP" musikalisch aufgewachsenen Zuschauer in ihre Jugend in den 80ern und 90ern zurück.
Seit Ewigkeiten nicht mehr im Liverepertoire von Wolfgang und den Seinen: die enorm philosophisch ausgefallene 1984er-Klangkaskade "Bahnhofskino" und der temporeiche, so abgeklärte, wie sehnsüchtig-melancholische Rockhammer "Rääts un Links vum Bahndamm" (1988) - seit jeher ein spezieller Lieblingssong des Verfassers dieser Zeilen, den Wolfgang seinerzeit kurz nach der Trennung von seiner ersten Frau Carmen geschrieben und seiner damaligen neuen Flamme gewidmet hatte.
Einer der allerersten "BAP"-Songs überhaupt, der mutmachende Durchhalte-Hymnus "Helfe kann Dir keiner", 1976 entstanden, auf der 1980er-LP "Affjetaut" erstveröffentlicht, leitete gegen 22.30 Uhr den - wie bei "BAP"-Konzerten nicht anders gewohnt - ellenlangen Zugabenteil ein. Dieser beinhaltete u.a. Wolfgangs romantischen Rückblick auf seine Kindheit in den endenden 50er und beginnenden 60er Jahren, "Nix wie bessher" (1996), die wundervolle, geradezu traumhafte Liebesbekundung "Do kanns zaubere" (1982) und ganz zum Schluß - wie kann es anders sein? - das (Zitat W.N.) "Lied, das ein Sohn für seinen Vater schrieb", "Verdamp lang her" - jene intime Auseinandersetzung zwischen Sohn und Vater Niedecken, betreffs dessen der Interpret dem Verfasser dieser Zeilen einst erzählte, jedesmal, wenn er dieses Lied vorträgt, sei es ihm so, als stünde der besungene Herr Niedecken sen. direkt vor ihm vor der Bühne.
Kurz vor Halbzwölf, endete ein wahrhaft phänomenales Konzert einer immerjungen Band. Die begeisterten ca. 1200 Zuschauer sangen die kölschen Epen, neueren, wie älteren Datums, textsicher und lauthals mit. Das ganze wirkte zweifellos einwenig, wie eine Art Familientreffen unabänderbarer 80er-Jahre-Kinder.
Etwas schade fand ich - als Uralt-Fan von "BAP" - die Tatsache, daß der bisherige Live-Klassiker "Alexandra - Nit nur Do", ansonsten immer fester Bestandteil eines jeden Konzertprogramms der Rockkoryphäen uss Kölle am Rhing, diesmal nicht vorkam, ebenso wenig, wie der genialische Brachial-Rock'n'Roller "Waschsalon" - aber gut, man kann nicht alles haben. Die "Radio Pandora"-Tour beweist auf jeden Fall, daß sich Wolfgang Niedecken inzwischen nicht nur ohne jegliche Scham bzw. Übertreibung als "Kölner Bob Dylan" apostrophieren kann, sondern gleichermaßen, daß niemand dazu berechtigt ist, "BAP" nur noch als einen netten Anachronismus aus den 80er Jahren zu bezeichnen - was zuletzt leider häufiger vorgekommen ist.
Wolfgang mag politisch bestimmt nicht viel mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU) gemein haben. Dennoch sind - um nun mal mit einem allseits bekannten Zitat von FJS zu operieren - "BAP" zum einen betörend konservativ, marschieren aber zugleich an der Spitze des Fortschritts.
Von Wolfgang Niedecken und seinen Jungs werden wir auch in Futuro sicherlich noch einige spannende musikalische Kunstwerke erwarten können!

Epilog:
Am Samstag, dem 22. September 1984, erlebte der Verfasser dieser Zeilen sein allererstes (von bislang bestimmt nahezu 20) "BAP"-Konzerten, das damals im Hamburger Stadtpark vonstatten ging. Und raten Sie mal, wo "BAP" 25 Years after, 2009, ein weiteres konzertäres Stelldichein in meiner Heimatstadt geben werden?? Nirgendwo sonst, als im lauschigen Stadtpark-Rund in Hamburg-Barmbek! Ich werde da sein! Und ich hoffe, viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser im Norddeutschen Raum, ebenso : )))



Bitte auch beachten: Die Rezension zum aktuellen Album "Radio Pandora" unter "Neuheiten" im Linkmenü!!!