Stern Akustisch live am 27. März 2009
im Lindenpark zu Potsdam



Bericht: Andreas Hähle
Fotos: Patricia Heidrich





STERNLEIN STERNLEIN DU MUSST WANDERN...
Ich weiß ja auch nicht, was da immer los ist bei Stern, Stern-Combo Meißen und wie sie alle vielleicht noch heißen mögen... Umbesetzung, Neubesetzung, Ausgründung, Abtrünnungen, Aussetzungen und wer weiß, was da alles gar keiner weiß...
Vor ca. 185 Jahren, das kann auch schon etwas länger her sein, damals war ich noch in der Pubertät oder so, erzählte mir Martin "Rabe" Schreier, dass die "Stern-Combo Meißen" (oder hieß sie damals nur "Stern Meißen"?, eine Zeit lang hieß sie wohl auch "Stern" und sonst nix) zu den zehn besten Bands der DDR gehören würde, also zur Spitze. Ich glaube, gemeint hat er: zu den zehn erfolgreichsten Bands, womit er wohl recht gehabt haben wird. Und danach käme dann nicht mehr viel und der andere Rest wäre... vergessbar... Ich habe vergessen, wer seiner Meinung nach noch zu dieser Art Elite gehörte. Wahrscheinlich die "Puhdys" und "Karat". Aber diese beiden und "Stern Meißen" (jedenfalls nicht mehr zu dieser Zeit) waren nicht auf meiner Liste der zehn besten Bands der DDR (nicht zu verwechseln mit den erfolgreichsten, darauf hatte ich keinen subjektiven Einfluss). Das waren andere.
Mein erstes Konzert der "Stern-Combo Meißen" erlebte ich mit 12 Jahren, weil mein Deutschlehrer mich zu diesem Konzert einladen wollte, ich aber kostenlos hineinkam und ergo also ihn einlud, ein unbezahltes, jedoch nicht unbezahlbares Konzert dieser Formation mit mir zu erleben. Ohne meinen Deutschlehrer wäre ich aber gar nicht zu diesem Konzert gegangen. Wir waren aber dann doch begeistert von der Band und ich blieb Fan, eine kleine Weile. Bis der "Primaner" Ralf Schmidt den Reinhard Fißler ablöste und auch Andreas Bicking in die Band kam. Ich war noch klein (na, das bin ich heute noch, also eher nur jung) und mir war auch noch nicht wirklich klar, dass diejenigen, die kommen, am wenigsten dafür können, dass andere gehen. Bicking fand ich ja okay, ich kannte ihn schon eine Weile und mochte ihn sehr. Aber dieser Möchtegernpopper? Und der Rabe erzählt mir was von zehn besten Bands in der DDR. Dabei habe ich ihn gefragt, ob er es in Ordnung findet, von diesen schönen bombastischen Songs zu diesen nullachtfuffzehn-Klaviaturen zu wechseln. Mittlerweile sind IC Falkenberg, wie sich der ehemalige Primaner in der allgemein interessierten Öffentlichkeit heute nennt, und ich so etwas wie Kumpels, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Das ist ein weites Feld...
"So ist der Mensch im Suchen und im Wagen" ("Der weite Weg" - Komposition: Martin Schreier/Lothar Kramer, Text: Norbert Jäger): So hieß es beim Konzertauftakt der Stern-Combo-Meißen-Coverband "Stern akustisch" im Potsdamer Lindenpark. Das Besondere an dieser Coverband besteht darin, dass sie sich aus ehemaligen Stern-Meißen-Musikern zusammensetzt, aber auch das ist ein weites Feld... Jedenfalls präsentierte "Stern akustisch" ihr neues und erstes Album "Wir sind die Sonne" live. Das Album wird mit Sicherheit nicht liegen bleiben. "Lass mich hier nicht liegen", ein Stück, gewidmet DER Stern-Combo-Meißen-Stimme Reinhard Fißler. Was auch wiederum eine eigene Geschichte in sich trägt und mehr als wichtig ist, wenn es um diese etwas merkwürdige Band ("Stern-Combo Meißen", "Stern Meißen", "Stern", "Stern Meißen", "Stern Combo Meißen" usw usf.) geht. Um die es aber nicht wirklich gehen sollte, wie ich finde. Ich empfand diese spätestens seit des Rabes psychedelisch gesabbeltem "Nun denn" und dem Pseudo-Neue-Deutsche-Welle-Shit "Morgen ist īn neuer Tag" (Komposition: Thomas Kurzhals, Text: Jan Witte) als eine Art Zwitterband, gut für immer wiederkehrende Spaltungen und Besetzungskarussells (wohl ohne entsprechende Sofas) und schizophrenisiert bis zur unweigerlichen, aber mit Sicherheit kommenden Selbstauflösung in vereinzelte Partikelchen und guten wie auch schlechten Erinnerungsmolekülen. Im Grunde kann man das Leben dieser Band mit dem Leben eines Sterns vergleichen, die gleichen Prozesse, wie seltsam...
Als komisch empfinde ich es auch ein wenig, dass es jetzt noch eine Extra-Coverband gibt für eine Band, die sich im Grunde seit sehr vielen Jahren im Wesentlichen selber covert... Im Laufe des Konzertes fand ich gerade das immer weniger seltsam, was auch wieder irgendwie seltsam ist. "Du komm her" (Komposition: Reinhard Fißler, Text: Kurt Demmler) könnte auch auf das Potsdamer Publikum an diesem Abend gemünzt sein. Es kamen nicht so wahnsinnig viele und einige waren vereinzelt im Saale verstreut. Die Bühne hingegen war, zum Glück, voll besetzt mit Michael Behm (Schlagzeug, Gesang), IC Falkenberg (Gesang, Gitarren), Alexander Prokop (Bässe), Frank Nicolovius (Keyboard) und Michael Lehrmann (Gitarren). Michael Behm auch als Sänger bei "Was bleibt" (Komposition: Thomas Kurzhals, Text: Norbert Jäger). Und dabei fiel mir spätestens auf, dass es sich hierbei um eine mehr als bemerkenswerte und tatsächlich außerordentliche musikalische Hommage handelte. Eine Hommage an die wertvollsten, manchmal auch die bekanntesten Songs (was mitunter ein Widerspruch ist), instrumentiert in einer sehr konzertanten und lebendigen Fassung, nicht altbacken und nostalgisch, sondern sich beugend und verbeugend vor der hohen Qualität, welche die gecoverte Band mal hatte, wie auch vor der Zeitlosigkeit der dargebrachten Titel. Unterstrichen wurde dieser sich festigende Eindruck bei mir vom nächsten Song "Die Sage" (Komposition: Martin Schreier/Lothar Kramer, Text: Norbert Jäger). Ein Titel, den ich damals als unglaublich beeindruckend empfand, dessen Text ich jedoch wiederum doof fand. Komisch, wie sicher sich die pubertären Empfindungen mit denen des mählich Alternden manchmal solidarisieren. Denn dieser Eindruck verstärkte sich an diesem Abend. Oder erneuerte sich vielmehr und erschien mir lediglich in dieser Erneuerung verstärkt. Sehr gut fand ich nicht nur den Song (mir den blöden Text mal wegdenkend), sondern auch die Aufbereitung durch die Akustiker, die partiell wirklich - im positiven Sinne - wie von einem anderen Stern erschienen. Hier war es ein Kontrabaß-Solo von Alexander Prokop, welches mir wie eine himmlische Erscheinung vorkam.
"Schnee und Erde" (Komposition: Andreas Bicking, Text: Ralf Schmidt), gesungen im Duett von IC Falkenberg und Micha Behm: Eine wunderschöne Ballade, welche durch den konzertanten Vortrag ganz in sich und durch sich selbst wirkte. Und nun wieder Schlagzeug, das ja nicht gespielt wurde, solange der Behm da vorne an der Rampe stand. "Der Kampf um den Südpol" (Komposition: Reinhard Fißler/Lothar Kramer/Martin Schreier, Text: Kurt Demmler), für mich DER Song der früheren Sterne-Ära. Auch ein unglaublich toller Text vom Altmeister Kurt Demmler, nicht absichtslos, wie er mir mal erzählte. Über die Arbeitsweise dieses menschlich mittlerweile sehr umstrittenen Texters, der kürzlich den Freitod wählte, in Hinsicht auf die verschiedenen Bands, für die er schrieb, werde ich mich sicherlich gelegentlich später noch einmal äußern. Denn wie ich selber immer öfter mitbekomme, kennen die meisten dieser Bands diese Vorgehensweise selber nicht und einige von ihnen existieren noch. "Was bleibt nach dem Tode?" Groovig, funkig, ein Hammerklaviersound wie eh und je. IC Falkenberg erzählte dem Publikum vor dem Titel, er hätte damals gern so einen schönen Parka gehabt wie Reinhard Fißler ihn wohl im Video zu diesem Song trug. Ich selbst kann mich an kein Video erinnern, was auch nicht verwunderlich ist, denn in dem Haushalt, in dem ich aufwuchs, existierte kein Fernseher.
Noch rockiger und weiterhin ohne diesen schönen Parka mit Pelzansatz ging es weiter mit "Leben möcht ich" (Komposition: Martin Schreier, Text: Burkhard Lasch). Das Lied klingt wirklich überraschend gut, wenn es mal richtig gesungen wird. In diesem Fall übernahm das IC Falkenberg. Der immer mal wieder mich faszinierende Satzgesang der Sternakustiker hat mir irgendwie gefehlt bei diesem Titel. Aber man kann ja nicht alles haben und mein bescheidener unerfüllter Wunsch schmälerte meine wachsende Begeisterung für diese Band und meine überraschende Neuentdeckung dieses Titels nur ein wenig. "Eine Nacht" (Komposition & Text: Ralf Schmidt) als latinartiger Swing und "Stern Akustisch" hatten den Berufsskeptiker und -nörgler, nämlich mich. Ich mochte diesen Song in den 80ern nie, ehrlich. Ich weiß, dass ein komponierender Kumpel von mir (Tom Pola) damals sagte: "Hähle, solche Songs müssen wir jetzt schreiben." Meine Antwort war lapidar: "Aber nur, wenn du Dieter Bohlen als Produzent gewinnst." Und nun diese Variante. Pfeffer! - Pause. -
"Stundenschlag" (Komposition: Thomas Kurzhals, Text: Werner Karma), mein absoluter Lieblingssong der etwas jüngeren Sternen-Ära. Cool, intelligent, ja fast weise, auf Ewigkeiten hörbar, textlich fühlbar, ja immer mehr nach-fühlbar, je älter man wird. Also wirklich mein Song, in einer lasziv jazzigen Art gespielt, die unheimlich mitnahm. Es ist ja auch irgendwie eine Geschichte, es ist ein Lebensidiom auch, keine Philosophie, aber ein tiefes Wissen um sich selbst. Ja, diese neue Band hat eine unglaubliche Musikalität. Weit geht sie über die Qualität der letzten Stern-Meißen-Besetzung hinaus, die merkwürdigerweise größtenteils aus denselben Leuten bestand. Wie so etwas kommt, nein, auch das kann ich nicht erklären. Aber wenn so etwas dabei herauskommt, so gut, so reif, so musikalisch großartig, kann es auch mehr als gut sein, wenn so ein Stern mal explodiert und einen Kometen gebärt.
"Ich bin frei" (Komposition: Andreas Bicking, Text: Ralf Schmidt). Der Bicking hat auch viel Gutes geschaffen, sehr viel auf Klavier abgestimmte Titel, wie ich empfinde. Sie sind es allemal wert, immer wieder gehört und demzufolge auch immer wieder dargeboten zu werden. Vor allem in der akustischen Sternenvariante. Es folgten die "Nächte" (Komposition & Text: Ralf Schmidt). Aus den vorangegangenen Reaktionen und gerade denen bei der Ankündigung dieses Titels folgerte ich, dass vorrangig Fans aus der IC-Ära im Publikum waren. Ein solider Rockīn Roll halt, aber irgendetwas muss dieser Song noch haben, was ich bis heute nicht durchschaut habe. Vielleicht, dass im Zeitalter der fortschreitenden Banalität das Normale schon zu etwas Besonderem wird. Aber die Jungs hatten Spaß an dieser Musik, herausragend Frank Nicolovius. "Schönheit" (Komposition & Text: Ralf Schmidt) ist nicht alles, was ihn auszeichnet. Nein, da ist noch viel mehr. "Schönheit" als Titel war auch wieder ein gediegener Rocksong. Hübsch-plakativer Text, typisch für die Sterne in den 80ern. Nur dass die Songs früher halbfertiger waren als sie es heute sind (ich war damals drauf und dran zum Plattenladen zu gehen und mir die Hälfte des Geldes für die LP "Nächte" wiedergeben zu lassen mit der Begründung, es wären ja auch nur lauter halbe Lieder drauf). Aus den Entwürfen der Halbleiterfertigungsgesellschaft sind mittlerweile ausgereifte Lieder geworden. Vielen Dank! Für mich war es ein tiefes Jugend-Trauma, welches nun ohne psychiatrische Hilfe behoben werden konnte. "Schönheit ist nicht immer Phantasie. Dieses Leben ist jetzt und sonst nie." Wieso ist mir diese niedliche Albernheit nie eingefallen, als ich von süssen Mädelchen um einen Sinnspruch für ihr Poesiealbum gebeten wurde? "Was fang ich an" (Komposition & Text: Ralf Schmidt), vermutlich der einzige Song dieser Art aus dieser Ära, den ich als annehmbar empfand. Ein lustig dahin plätschernder spätpubertärer Machoselbstmitleidskurs, ja so ein Liedelchen war damals etwas für mich vor allem von den Frauen unverstandenen Jungintellektuellen, der damals ach o ach nur seinen Körper begehrt fühlte (und dies trotz der tiefsten Verachtung für diese Tatsache leidlich ausnutzte) und nicht wegen seiner (laut Selbsteinüberschätzung) überdimensionalen geistigen Fähigkeiten. Da war mir dieser Titel gerade recht, zumal die Frauen auf ihn standen wie die Möttchen. Und ich lernte daraus, sozusagen in folgerichtiger Fortsetzung des textlichen Inhalts: Man muss nichts weiter sein als ein sensibler Arsch. Nun kam es mir bei diesem Konzert vor wie eine ironisierte Samba und so gefiel mir dieser Song außerordentlich.
"Also was soll aus mir werden" (Komposition: Martin Schreier, Text: Kurt Demmler) war da eine Frage, welche mir damals näher lag als "Was fang ich an". Ein großer Song und wirklich groß vorgetragen. Da gehört eine Menge, eben auch musikalisches dazu, diesen damals ungeheuer coolen (obwohl es diesen Begriff so wohl noch gar nicht gab) Titel zu zelebrieren. Und etwas anderes als zelebrieren kann man diesen Titel nicht, darf man wohl auch nicht. Da grüßte uns der Jazz erneut, irgendwie schon von mir erwartet und doch wunderschön und kräftig, wenn die Rocksounds sich durchsetzten. "Wir sind die Sonne" (Komposition: Thomas Kurzhals, Text: Ralf Schmidt), eine generationsübergreifende Hymne, so IC Falkenberg, für die Fans aller 40 Stern-Combo-Meißen-Jahre. So war der Plan, sagte er. Der Produzent von "sergejwitsch" sagte einen Tag vor diesem Konzert zu mir: "Wenn wir jetzt anfangen würden darüber nachzudenken, was wir machen, geht das Projekt krachen." (Hab ich mir gemerkt, es hatte sich gereimt.) Die Sonne, die Sterne, die Welt, alles dreht sich, mitunter um sich selbst, wenn die Wissenschaftler recht haben. Nicht vorwärts also, nein, im Kreis. Und haben eine schöne Zeit dabei. So soll es sein, so soll es bleiben. Alles andere hält nur auf. Es gibt keinen Plan, jedenfalls sollte es wohl lieber keinen geben. Aber es gibt ein neues sehr gutes Projekt. Und das sind die "Sternakustiker". Vielleicht ist es wirklich ein Komet, der kommt und geht, vielleicht ist es ein neuer Fixstern. Gefühlt - für mich - ist es noch eine Art Doppelstern. Wieder mal... Zwiefach ist des Menschen Sehnen, gebunden an das Alte wird das Neue halb... Aber vielleicht wird er irgendwann zu einem richtig großen Stern, vielleicht einmal mit neuen eigenen Songs und mit einem anderen Namen. Diese Musiker in dieser Besetzung dürften es sich wert sein. Ich hätte sie mir etwas mutiger gewünscht beim musikalischen Umgang mit dem dargebotenen Material. Aber nun sind sie erst einmal da, und das ist ja auch schon ganz schön mutig...

Die Zugaben:
"Taufrisch" (Komposition & Text: Ralf Schmidt) - IC Falkenberg mit Klavierbegleitung von Frank Nicolovius.
"Mein Weg" (Komposition: Martin Schreier, Text: Ralf Schmidt) - kaum wieder zu erkennen, ein neuer genialer Song. Irgendwie fehlten und fehlen mir bei diesem immer noch textlich qualitative Strophen und einen besseren Schluss könnten sich die Sternakustiker auch einfallen lassen.
"Eine Nacht". Kein Stern auf der Erde ohne Nacht. Ein grandioser Abgesang, ein Versprechen auf mehr, nicht nur Nächte...





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